„Du genderst meinen Newsfeed voll!“

Eigentlich wollte ich meinen ersten „richtigen“ Eintrag hier zum Thema sexuelle Orientierung schreiben. Nach der Beschwerde eines lieben Freundes habe ich mich aber umentschieden – immerhin ist das auch gute Vorarbeit für mein „Warum ich vögle, wen ich vögle“-Posting.

Ich weiß, dass „Gender“ für viele Leute inzwischen ein Reizwort ist und ich kann das auch nachvollziehen. Ich finde auch, dass sich manche gendergerechten Formulierungen umständlich lesen und bemühe mich immer darum, geschlechtergerecht, aber möglichst unkompliziert zu formulieren.
Ich verstehe auch, dass es nervt, ständig mit einem Thema konfrontiert zu sein, zu dem man keinen Bezug hat.
Um es jedoch, damit’s auch gewichtig genug klingt, mit einem Dalai Lama-Zitat zu sagen: „Die Grundlage des Weltfriedens ist das Mitgefühl.“  Deswegen finde ich es bedeutend, sich auch mit Dingen zu beschäftigen, von denen man nicht direkt betroffen ist (oder glaubt, nicht direkt betroffen zu sein. 😉 ).
Immerhin werden wir selbst auch gern von anderen Menschen verstanden.

Du gehörst zu den Leuten, die schon zum Wutbolzen mutieren, wenn sie den Begriff „Gender“ nur hören/lesen? Zieh verdammt nochmal den Kopf aus dem Arsch und stell dir nur zwei Minuten lang vor, wie es beispielsweise wäre, wenn du morgen als Kaninchen aufwachen würdest. Du wärst immer noch du, nur plötzlich im Körper eines Fellknäuels. In der Mehrheit der Fälle, in denen du dich jemandem gegenüber als Mensch bezeichnest, wirst du schief angesehen und die meisten Leute behandeln dich danach, als hättest du eine ansteckende Krankheit oder versuchen auf Biegen und Brechen, dich von deiner Kaninchenidentität zu überzeugen. Die Krönung ist, dass dir gerne mal von Hobbypschycholog_innen eine tiefgreifende psychische Störung bescheinigt wird, wenn du darauf beharrst, ein Mensch zu sein. Eines Tages kommt eine gute Fee und verwandelt dich wieder in einen Menschen. ENDLICH! Blöd ist nur: An einigen Stellen ist noch Fell, das sich einfach nicht entfernen lässt. Das sieht man nicht immer, du kannst es größtenteils kaschieren, aber in bestimmten Situationen geht das nicht mehr. Also bist du dazu gezwungen, die Story ab und zu zu erzählen…und weil Menschen manchmal echt kacke sind, ist ein großer Teil danach nicht mehr dazu in der Lage, dich als Mensch zu sehen, sondern behandelt dich wieder wie ein Kaninchen.
Scheiß Beispiel? Lächerlich? Was völlig anderes? Ja, vielleicht. Fakt ist, dass du dein ganzes Leben lang dafür kämpfen müsstest, als das gesehen zu werden, was du bist, und genau das ist für viele Menschen Realität.
Hätte ich selbst keine Informationen über mein mir bei der Geburt zugewiesenes Geschlecht und nur das, was ich mit Frau-Sein oder Mann-Sein verbinde, wäre ich ziemlich aufgeschmissen, wenn mich jemand fragen würde, als was ich mich betrachte. Ich könnte die Frage schlicht nicht beantworten.
Deswegen ist für mich auch logisch, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt und „Biologie“ nicht alles ist.
So neu ist der Gedanke abgesehen davon auch gar nicht – die in Indonesien lebenden Bugis beispielsweise teilen die Menschen seit Jahrhunderten in 5 (!) Geschlechtergruppen ein.
Ich finde es also durchaus erfreulich, dass durch prominente Beispiele wie Caitlyn Jenner und Laverne Cox Transsexualität und durch Ruby Rose das Thema der Non-Binarität* medial thematisiert werden und es dadurch weniger einfach ist, sich ihnen zu entziehen.

Weil es für dich direkt vielleicht keinen Unterschied macht – für die Leute, denen du begegnest, aber einen riesengroßen.

 

 

*Begriffe wie Non-Binarität/non-binary gender/genderqueer beschreiben Geschlechter, die weder männlich noch weiblich sind.

Damit könnten zum Beispiel gemeint sein:

genderfluid: Die Geschlechtsidentität wechselt von Zeit zu Zeit (oder ist dauerhaft „dazwischen“)
agender: Die Person ist geschlechtslos/-neutral
Androgynität: Eine Mischung aus weiblicher und männlicher Identität


Wie du vielleicht weißt, kann ich aufgrund meiner beHinderungen keiner „normalen“ Erwerbstätigkeit nachgehen und mich hier und in sozialen Netzwerken aktivistisch zu betätigen, ist quasi mein Job. Falls dir gefällt, was ich mache, und du mich und den Vierbeiner mit einem kleinen Betrag unterstützen möchtest, kannst du das zum Beispiel  über meinen Amazon-Wunschzettel, über Gynny oder über Patreon:-) Danke dir sehr! ❤

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10 Kommentare zu „„Du genderst meinen Newsfeed voll!“

  1. Besser hätte Man(n)/Frau/und die anderen 3 😉 es nicht auf den Punkt bringen können. Danke dir… Und super Beispiel!!! Ich will mehr Texte von dir, weiter so ich bin gespannt und du bist toll. ❤ ❤ ❤

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  2. Jetzt muss ich doch glatt hier auch noch einen Kommentar absondern. Das Kaninchenbeispiel ist großartig. Eine wunderbare Erklärung dafür, wie es sich anfühlt nicht als das akzeptiert zu werden, als das sich mensch fühlt.

    Das Wort ‚Transsexualität‘ wird in reflektierten Betroffenheitskreisen inzwischen abgelehnt, weil es missverständlich wirkt. Stattdessen heißt es eben ‚Transidentität‘.

    Die Biologie ist entgegen landläufiger Auffassung in Genderfragen überhaupt nicht eindeutig. Es gibt zum Beispiel höchst genderfluide Bettwanzen, dass es eine wahre Pracht ist. Genderfluide Fische gibt es auch. Sicherlich würden sich noch mehr Beispiele finden lassen, wenn die Forschung nicht so oft mit Scheuklappen ihre Beobachtungen interpretieren würde.

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  3. Hach, ich freu mich über deine Kommentare!

    Stimmt, da hab ich meine Worte sehr unbedacht gewählt! Ich danke dir – das werd ich ab jetzt berücksichtigen. 🙂

    Danke auch für die Info über genderfluide Fische und Wanzen! 😀 Das such ich mal raus, weil ich die Tage was über Gender Gaps und -Sternchen schreiben wollte. 🙂

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  4. Tja, missmindf0ck, noch etwas muss ich loswerden und das ist schon fast Emotext.
    Ich finde, du schreibst hervorragend, packt komplizierte Sachverhalte in klare Sätze, bist stilistisch auf der Höhe und baust die Texte klug auf. Ich zolle dir höchsten Respekt.
    (Und ich glaube, ich kann das beurteilen, denn ich bin Autorin)

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  5. Ich bin durch bloßen Zufall (ok, let’s call it: Twitter) auf diesen Blog gestoßen und muss sagen, dass ich mich doch jetzt in mittlerweile vier Stunden einmal quer durch deine Texte gelesen habe. Normalerweise bin ich nicht so der begeisterte Kommentare – Hinterlasser, aber hier wollte ich doch mal eine kleine Anmerkung hinterlassen (ich hoffe diese wird nicht als „Angriff“ verstanden – das soll sie nämlich wirklich nicht sein).
    Eine Sache ist mir hier aufgefallen: Du benutzt ein Zitat vom Dalai Lama. Das tun recht viele. Doch leider wird seltenst geschaut, ob es eigentlich gut ist, diesem Menschen so viel Weisheit beizumessen. Bei anderen „Größen“ aus der „Wir sind unheimlich weise“ – Ecke wurde schon recht früh fest gestellt, dass sie dann doch nicht so lieb und nett waren wie viele behaupteten (Mutter Theresa wäre da wohl eine), aber beim Dalai Lama funktioniert der Zauber immer noch.
    Deswegen verlinke ich mal hier einen Artikel den ich recht interessant fand:
    http://www.taz.de/!5093230/
    Was in dem Artikel leider nicht erwähnt wird: „Seine Heiligkeit“ (schon allein diese Anrede, was zur …) hällt gute Kontakte zu Holocaust – Leugnern und ist ein verfechter des traditionellen Tibet – Buddhismis, der sich vor allen durch Sklaverei, Leibeigenschaft und Schuldknechtschaft „auszeichnet“.
    Ich persönlcih würde also tunlichst davon abraten diesen Menschen zu zitieren.
    Ansonsten mag ich deine Texte sehr. Keep up the good work 🙂
    (Wie schon erwähnt: Ich hoffe die Nachricht nervt dich nicht.)

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    1. Hi Bini,

      sorry, dass ich jetzt erst antworte!
      Danke dir sehr für deinen Hinweis, der auf keinen Fall nervig, sondern hilfreich ist! 🙂
      Das wusste ich nicht und werde in Zukunft auf Dalai Lama-Zitate verzichten! 😮
      Danke auch für das Kompliment! ❤
      Hab eine großartige Woche!
      Ash

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