Fremdge(hirn)fickt.

Ich war in den letzten Tagen bei zwei grandiosen Workshops zum Thema sexuelle Vielfalt (wenn jemand, der dabei war, das liest: DANKE für dein Sein!) und obwohl eigentlich geplant war, über verschiedene sexuelle Orientierungen zu reden, kam doch in beiden Gruppen das Thema Polyamorie auf, was bei mir natürlich direkt eine kleine innerliche Party ausgelöst hat.

Spannend finde ich, dass die damit assoziierten (in Verbindung gebrachten) Hirnficks und Ängste sich bei allen Menschen, die sich zum ersten Mal damit befassen, sehr ähneln – selbst Leute, die offen für das Thema sind, scheinen doch häufig dem weit verbreiteten Glauben anzuhängen, eine offene/polyamore Beziehung zu führen, hieße unselektiert durch die Gegend zu vögeln, sich nicht um die Gefühle irgendeiner anderen als der eigenen Person zu scheren oder sich nicht richtig auf jemanden einzulassen.

Ich möchte auf die meiner Erfahrung nach gängigsten Vorurteile, Ängste und Missverständnisse deswegen einmal eingehen, teile das aber auf mehrere Einträge auf, weil es sonst einfach viel zu lang wird.

  1. „Wer eine offene/polyamore Beziehung hat, kann/will sich nur nicht binden/ganz auf jemanden einlassen.“ , „Offene/Polyamore Beziehungen bieten keine Sicherheit.“

Nach dieser Logik müsste jeder Mensch, der eine monogame Beziehung führt, sich in einem Zimmerchen einsperren und alle Kontakte zu anderen Menschen meiden, um die „Verbindlichkeit“ der eigenen Partnerschaft nur nicht zu gefährden. Ich für meinen Teil bin, wenn ich Zeit mit jemandem verbringe, nach Möglichkeit immer ganz bei der Person und nirgendwo anders – völlig unabhängig davon, ob ich Sex mit ihr habe oder nicht.
Alles andere empfände ich (außer in der Verknalltheitsphase 😉 ) nicht nur als höchst ungesund, sondern auch als unfair allen anderen Menschen gegenüber, mit denen ich mich umgebe. Wer hat schon Bock darauf, mit einer Person rumzuhängen, die gedanklich nie anwesend ist?

Wer sich entziehen und nicht ganz einlassen will, kann und wird das ganz einfach über alles Mögliche nicht im geringsten Sexuelle tun – durch unendlich viel Arbeit, exzessiven Sport, regelmäßige Sauftouren oder einfach das Totschweigen von wichtigen Themen.
Was die betreffende Person aber mit Sicherheit NICHT tun wird, ist polyamor zu leben, denn das bedeutet ja nicht nur eine, sondern gleich mehrere tiefe Beziehungen, also das Horroszenario für jede_n Bindungsphobiker_in. 😉

Wenn man also schon unbedingt einen Vergleich ziehen möchte, sind offene/polyamore Beziehungen aus meiner Sicht sogar deutlich verbindlicher und „sicherer“:
Im Gegensatz zu vielen monogamen Beziehungen, in denen eine Menge Dinge einfach als selbstverständlich vorausgesetzt werden „weil man das eben (nicht) macht“, wird nämlich genau besprochen, was wann wie geht und was nicht.
Wenn in einer monogamen Beziehung ein Seitensprung ans Licht kommt (der übrigens in einem großen Teil sowieso auch stattfindet – Studien zufolge in jeder zweiten bis fünften), ist das meistens völlig unabhängig von der Tiefe der Gefühle füreinander oft schon Trennungsgrund oder zumindest Anlass für eine tiefe Krise, teilweise ist sogar flirten mit anderen schon tabu oder jemand trennt sich, weil er_sie sich in jemanden anderen verguckt hat – in einer polyamoren Beziehung führen flirten oder Verknalltheit eben nicht zur Trennung, weil beides nicht die Partner(schaft) an sich betrifft.

Ich für meinen Teil empfinde es als ein deutlich tieferes Einlassen auf einen anderen Menschen und Zeichen von Liebe, wenn ich eben nicht verbiete und begrenze, sondern offen bin – nicht nur für meine Partner_innen selbst, sondern auch für alle anderen Lieben, die diese(r) Mensch(en) noch mitbringen.

  1. „Wenn man jemanden wirklich liebt, will man keinen Sex mit anderen.“/ „Sexuelle Exklusivität ist, was eine funktionierende Beziehung ausmacht.“/ „Klar kann man mal schauen, aber Sex geht zu weit, denn man weiß ja, wohin man gehört.“

Ich frage mich ernsthaft, in welcher Illusion Menschen leben, die als Single munter durch die Weltgeschichte vögeln, Sexualität dann aber plötzlich zum höchsten Gut erheben, sobald sie eine partnerschaftliche Beziehung führen…DAFUQ!?
Die Besonderheiten einer solchen sind für mich gemeinsame Zukunftsplanung, gegenseitige Unterstützung, Ehrlichkeit, Vertrauen, Loyalität, gemeinsames Wachstum, tiefe Nähe,…aber Sex nur mit diesem Menschen? Das Argument kann ich wirklich nur ernst nehmen, wenn es von Jungfrauen und „Ich warte bis zur Ehe“-Leuten kommt.

Mir widerstrebt es, meine Partner_innen als Besitz anzusehen – genau das wird aber durch Aussagen wie „Man weiß, wohin man gehört“ impliziert. Für mich ist jegliche Art von Verbindlichkeit ein Geschenk, aber nichts, was ich direkt einfordern würde und allgemeine Selbstkasteiung sehe ich auch nicht als Liebesbeweis, sondern als Ausdruck eben dieses Besitzdenkens.

Die meisten Sätze, die eine Aussage darüber treffen, was „man“ (nicht) tut oder fühlt, sind nur durch gesellschaftliche Konditionierung geprägte Glaubenssätze, aber keine Tatsachen. Die romantische Zweierbeziehung ist, wie auch die Erhebung der Heterosexualität zur Norm, eine recht neue Erfindung (vom Ende des 18. Jahrhunderts).
Ob man jemanden liebt oder nicht, hat tatsächlich keinerlei Einfluss auf sexuelle Reize und Impulse – derartige Glaubenssätze sorgen nur für Scham und Verleugnung.
Feedback (solange es höflich ist) ist wie immer gern gesehen. ❤
Hier gibt’s Teil 2.

 


Wie du vielleicht weißt, kann ich aufgrund meiner beHinderungen keiner „normalen“ Erwerbstätigkeit nachgehen und mich hier und in sozialen Netzwerken aktivistisch zu betätigen, ist quasi mein Job. Falls dir gefällt, was ich mache, und du mich und den Vierbeiner mit einem kleinen Betrag unterstützen möchtest, kannst du das zum Beispiel  über meinen Amazon-Wunschzettel, über Gynny oder über Patreon:-) Danke dir sehr! ❤

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18 Kommentare zu „Fremdge(hirn)fickt.

  1. ich bin froh das es deinen blog gibt…dadurch erspare ich mir ab sofort langfristige erklärungen und verweise auf dein geschriebenes…da wir ja mehr als nur einer meinung sind.

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  2. Was mich an diesen ganzen Poly-Artikeln immer stört ist, dass diese Form ständig als die gesündere Beziehungsvariante dargestellt wird. Es ist was es ist: Eine Alternative zur monogamen Beziehung. Meiner Meinung nach finde ich es sehr richtig, sich mit der Beziehungsform auseinander zu setzen und sich dann Bewusst für eine Form zu entscheiden und nicht aufgrund institutioneller Rahmungen sich gar keiner Wahl zu stellen, sondern die Monogamie als gegeben zu sehen. Entscheidet sich jemand also aus Überzeugung zur Monogamie, dann ist das eine Entscheidung die man genauso zu respektieren hat, wie eine polygame Beziehung.

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  3. Bin gerade über deinen Blog gestolpert und hab mich sofort verliebt …. nee nur in deinen Blog 😛 Was offene Beziehungen angeht habe ich vor nicht allzu langer Zeit immer gedacht „offene Beziehungen sind nur Fremdvögeln mit Erlaubnis“ hab das noch nie aus deiner Sicht gesehen. Wieder was dazu gelernt….Gott sei Dank hab ich Urlaub, also viel Zeit deine anderen Beiträge auch noch zu lesen 😉 Gefällt mir richtig gut …

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    1. 🙂 Danke, das freut mich sehr! „Fremdvögeln mit Erlaubnis“ stimmt ja auch…es ist halt nur so viel mehr. 🙂
      Falls du nach dem Lesen des Blogs Lust hast, noch tiefer einzusteigen: Ich plane, am Wochenende einen Beitrag zu verschiedenen Büchern zum Thema zu schreiben. 😀
      Hab einen schönen Tag und Urlaub!

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  4. Hallo!

    Endlich mal eine Feminist_in, die nicht bei dem allgemeinen Männerhass mitmacht. Ich finde Deine Ansicht berechtigt kritisch und wohltuend konstruktiv! Danke! Ansonsten hatte ich oft den Eindruck, (feministisch orientierte) Frauen haben überhaupt kein Interesse, in einen Dialog mit Männern zu kommen. Das bringt aber meiner Meinung nach kein bisschen weiter …

    Deine Ansicht zur offenen Partnerschaft und zur Polyamie finde ich befreiend. Nach langem Suchen bin ich endlich auch zu dieser Einstellung gelangt und finde sie stimmig. Auch die Erkenntnis, dass man Sex ohne ein Mindestmaß an „Sympathie“ gleich bleiben lassen kann, hat mir viel geholfen. Insofern bestätigst Du das. Eine Lebenspartnerschaft hat viele grundlegende Facetten, wie Du sie zum Teil beschreibst. Aber ausschließlicher Sex und Besitzanspruch gehören für mich auch nicht dazu.

    Es ist gut, dass Du diese Themen so offen ansprichst, dass Du in Deiner Wortwahl sehr direkt formulierst, und dass Du in Deiner Aussage sehr ernsthaft und tiefgreifend bist. Ich werde bestimmt weiter lesen!

    Lieben Gruß, Michael

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    1. Hi Michael,
      ich sehe das genau wie du (also, dass es ziemlich sinnlos ist, die ganze Zeit nur herumzuwettern und auf dem eigenen Standpunkt zu beharren, anstatt „wirklich“ zu kommunizieren und auch mal über den Tellerrand zu schauen) und bin auch froh, inzwischen zu wissen, dass es eigentlich gar nicht so wenige sind, die das auch so sehen. 😀 Menschen, die irgendwelchen Extremen anhängen, fallen halt mehr auf – ich glaube und möchte glauben ( 😉 ), es liegt vor allem daran.
      Ich freue mich, dass du mitliest!

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  5. „Für mich ist jegliche Art von Verbindlichkeit ein Geschenk, aber nichts, was ich einfordern würde und allgemeine Selbstkasteiung sehe ich auch nicht als Liebesbeweis, sondern als Ausdruck eben dieses Besitzdenkens.“

    Wenn man sich selbst kasteit durch sexuelle Treue, ist das einfach nicht die richtige Beziehungsform für einen..

    So wie der Artikel geschrieben ist klingt es leider an manchen Stellen so, als würde eine Monogame Beziehung „Zwang“ heißen. In offenen Beziehungen kann genau so eingeengt werden. Letztenendes ist es doch egal ob monogam oder „offen“: Wenn der gegenseitige Respekt fehlt geht beides kaputt. Ganze egal welche Form man lebt.

    (Wichtig ist doch eher, dass alle Beteiligten die gleiche Einstellung zum Thema haben.)

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  6. Hey, ich bin über Kommentare von dir zu anderen Beiträgen hier gelandet und wollte einmal einen raschen Gedanken zu deinen Ausführungen da lassen. (auch wenn die schon etwas älter sind 😉 )

    Ich persönlich finde es etwas schwierig, dass du polyamor gleich mit offen setzt. Nach dem, was der Begriff ‚offene Beziehung‘ und ‚polyamore Beziehung‘ beschreibt, geht es in ersterer ja explizit eher um die körperlichen Beziehungen und in letzteren mehr um die emotionale Ebene. Falls sich an diesen Definitionen etwas geändert haben sollte, so lasse ich mich gern belehren.

    Für die polyamoren Beziehungen würde ich darüber hinaus ebenso wie für die monoamoren/-gamen feststellen, dass ein Seitensprung in beiden verheerend wirken dürfte, einfach weil eine Vertrauensbasis zerstört wird.

    „Wenn in einer monogamen Beziehung ein Seitensprung ans Licht kommt […], ist das meistens völlig unabhängig von der Tiefe der Gefühle füreinander oft schon Trennungsgrund oder zumindest Anlass für eine tiefe Krise,[…] – in einer offenen Beziehung führt das eben nicht zur Trennung, weil das zählt, was wirklich die Partner(schaft) an sich betrifft.“

    In einer offenen Partnerschaft ist eine rein sexuelle Begegnung nicht weiter von Bedeutung, weil sie eben explizit als möglich vereinbart worden ist. (Und auch hier gibt es dann x Möglichkeiten, in der man mit einem solchen Seitensprung Vereinbarungen und somit Vertrauen verspielen kann.)

    Ich würde sehr vor den Kopf gestoßen reagieren, wenn einer meiner Partner zu mir käme und sagen würde: „Ach ja, gestern hatte ich Sex mit Y.“ Ohne dass diese Person mir bekannt wäre, sie im Vorfeld erwähnt worden wäre oder es eine Vereinbarung gab, dass die Möglichkeit für wahllose körperliche Begegnungen gegeben sein sollte.

    tl;dr:
    Poly Beziehungen können viel sein; sie können exklusiven Charakter haben, in die eine Ecke geschlossen, in die andere offen sein, sie können mit mono-fühlenden Menschen eingegangen werden und sie können komplett frei und offen für alle Beteiligten gelebt werden. Generell anzunehmen, dass polyamor = offen heißt, halte ich für falsch.

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    1. Ja, ich verwende „offene Beziehung“ und „polyamore Beziehung“ synonym und kenne auch fast nur Leute, die das genauso machen. Ich weiß, dass es auch Menschen gibt, die das anders handhaben und da sehr klar differenzieren, aber ich persönlich tu’s eben nicht. 🙂
      Ich ergänze im Text aber gleich noch, damit das auch klar ist oder formuliere um. Danke! 🙂

      Ich hab gerade nochmal nachgesehen – in deinem Zitat fehlt der entscheidende Satz – „oder jemand trennt sich, weil er_sie sich in jemanden anderen verguckt hat“, auf den das folgt. 🙂 Darauf bezieht sich der Rest- aber du hast Recht, das hab ich nicht gut formuliert, so ist das sehr missverständlich. Sollte auf keinen Fall heißen, dass es in Poly-Beziehungen keine Seitensprünge oder Vertrauensbrüche gibt. Ich ergänze gleich noch was, damit das klarer wird – danke für den Hinweis! 🙂

      Achso: Einige Dinge hab ich klar etwas überspitzt formuliert, weil das ja alles als Antwort an die Leute gedacht ist, die mich typischerweise davon überzeugen wollen, dass Monogamie das einzig Wahre ist.

      Hab ein schönes Wochenende!
      Ash

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  7. Hey 🙂 Interessant, dass die Erfahrungen so unähnlich sind. Ich kenne wiederum kaum Menschen, die poly und offen gleichzeitig leben. ^.^

    Und dass ein neues ‚Vergucken‘ in bestehenden Beziehungen kein Todesurteil sein muss, ist definitiv der Vorteil von nicht-monogam ausgelegten Partnerschaften. Da dürfte kaum jemand widersprechen wollen.

    Das dein Text deutlich überspitzt ist teilweise, habe ich rausgelesen 😉 An der Stelle fand ich nur die Zusammenhänge unklar/nicht zutreffend.

    Dir auch ein schönes Wochenende 🙂

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    1. Ja, total! 🙂
      (Ich glaube, viele Leute, die ich kenne, sind irgendwann einfach dazu übergegangen, „offene Beziehung“ zu sagen, weil Leute sich da eher was drunter vorstellen können. 😀 )

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