Fremdge(hirn)fickt – II

Im Anschluss an meinen letzten Blog-Eintrag widme ich mich heute zwei weiteren Aussagen bzw. Glaubenssätzen, die mir in Bezug auf eine polyamore Lebensweise oft begegnen:

„Wenn man jemanden liebt, will man die Person nicht teilen“


Was wir tun, beeinflusst unsere Freunde, Freundesfreunde und sogar die Freunde der Freunde unserer Freunde – umgekehrt funktioniert das natürlich genauso. Von Menschen, mit denen mein_e Partner_innen Zeit verbringen, lerne ich dadurch automatisch auch.

„Dann reicht ja ’ne platonische Freundschaft“, könnte man jetzt sagen. Theoretisch stimmt das auch, praktisch beeinflussen uns engere Beziehungen aber eben doch mehr als weniger enge. Auch Glück oder Unglück steckt das gesamte Netwerk an, in dem wir uns bewegen.*
Schon deswegen finde ich es auch aus eigennützigen Gesichtspunkten durchaus vorteilhaft, möglichst viele schöne Gefühle zu schaffen – und über Körperlichkeit geht das doch oft deutlich einfacher als mit langem Gequatsche (klick für mehr Infos) – und NÖ, damit meine ich nicht zwingend Sex, sondern jegliche Form von körperlicher Nähe, die für Anhänger der Monogamie meistens schon eine deutliche Grenzüberschreitung darstellt – ob das nun Kuscheln, eine Massage oder eben Rumgeknutsche ist (das nebenbei auch noch das Immunsystem stärkt.)

Teilen tue ich also sicher viel – Glück zum Beispiel – aber einen Menschen…? Wenn Liebe keine endliche Ressource, sondern vielmehr etwas ist, das zunimmt, je mehr man davon gibt (und das ist sie aus meiner Sicht), wie kannst du denn dann etwas verlieren?
Und wenn es um gemeinsam verbrachte Zeit geht, hast du dann auch den Eindruck, deine_n Partner_in zu teilen, wenn sie im Fitnessstudio sind, mit ihrem besten Kumpel saufen, Playstation zocken oder arbeiten gehen?
Vermutlich nicht – warum ist das dann plötzlich was anderes, wenn mit Person X eben nicht Tischkicker gespielt, sondern stattdessen eine Runde gevögelt wird?
Wer jemals echt verschossen war, weiß, wie sehr diese Euphorie und das Gefühl, die ganze Welt umarmen zu wollen, auf das Umfeld abfärbt. Wie kann das nur etwas Schlechtes sein? 🙂

„Jo, ist ja alles schön und gut, aber wenn man jemanden liebt, ist man eben eifersüchtig.“

Abgesehen davon, dass das schlicht nicht stimmt und Eifersucht und Liebe zwei völlig unterschiedliche Dinge sind: NA UND?

Es wäre – auch, wenn mir das nicht immer passt – eine dreiste Lüge, zu behaupten, ich wäre nie eifersüchtig. Manchmal bin ich es sogar so sehr, dass ich kurzfristig den Entschluss fasse, allein auf eine einsame Insel zu ziehen, damit ich mit „der ganzen verdammten Beziehungskacke“ nicht mehr in Berührung komme. Das ist nämlich das Einzige, was vielleicht hilft – vor Eifersucht schützen schließlich auch monogame Beziehungen nicht.
Als Argument für Monogamie taugt das also überhaupt nicht. Der Unterschied ist nämlich nicht das (Nicht-)Vorhandensein oder die Intensität der mit Eifersucht verbundenen Gefühle, sondern nur der Umgang damit.
Anstatt eine Szene zu machen, Verbote auszusprechen oder passiv-aggressive Scheiße abzuziehen, projiziere ich das eben nicht auf mein Gegenüber, sondern setze bei mir an und frage mich, was mir gerade fehlt, wovor ich Angst habe und was ich am besten dagegen bzw. vielmehr FÜR mich tun kann.

In der Mehrheit der Fälle kann ich das tatsächlich super mit mir selbst ausmachen und wenn nicht, kann ich den Menschen, von dem ich gerade gerne etwas hätte, auch einfach um genau diese Sache bitten – und ja, in äußerst speziellen Fällen kann diese Bitte auch durchaus beinhalten, mit einer speziellen Person (gerade) nichts anzufangen. Das sind aber absolute Ausnahmefälle, die nichts mit Eifersucht per se zu tun haben. Mehr dazu in einem der folgenden Beiträge.
Eifersucht ist gnadenlos und dafür bin ich ihr saudankbar – weil sie mich ganz auf mich und meine Bedürfnisse zurückwirft und mir auch deutlich zeigt, wenn ich nicht ausreichend auf mich geachtet habe.

Fun fact: Mir persönlich hilft es oft am meisten, wenn ich frage, was mein_e Partner_in an der Person, auf die ich eifersüchtig bin, mag (sofern ich sie nicht selbst kenne und auch mag). Für Anhänger_innen der „Don’t ask, don’t tell“-Philosophie, die zwar eine offene Beziehung führen, aber nicht darüber sprechen, was mit anderen läuft, mag das der blanke Horror sein –  bei mir löst sich viel, sobald aus dem gruselig-bedrohlichen Schatten ein für mich greifbarer Mensch wird.

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* Christakis, Nicholas A./Fowler, James H.: Connected! Die Macht sozialer Netzwerke und warum Glück ansteckend ist, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2010

Hier gibt’s Teil 3.

 


Wie du vielleicht weißt, kann ich aufgrund meiner beHinderungen keiner „normalen“ Erwerbstätigkeit nachgehen und mich hier und in sozialen Netzwerken aktivistisch zu betätigen, ist quasi mein Job. Falls dir gefällt, was ich mache, und du mich und den Vierbeiner mit einem kleinen Betrag unterstützen möchtest, kannst du das zum Beispiel  über meinen Amazon-Wunschzettel, über Gynny oder über Patreon:-) Danke dir sehr! ❤

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3 Kommentare zu „Fremdge(hirn)fickt – II

  1. Auch hier schön beschrieben, auf welchen Wegen dem emotionalen Tief zu enkommen sein könnte. Das Gefühl der ‚Eifersucht‘ wäre ebenfalls eine nähere Betrachtung wert. Woraus besteht das eigentlich und ist es nicht ein Konglomerat aus klarer beschreibbaren Seelenzuständen?

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