Fremdge(hirn)fickt – IV

Hier bin ich mit einem Tag Verspätung mit Teil 4 meiner Poly-Serie. Die Einträge gibt’s seit Teil 2 auf Wunsch übrigens auch zum Anhören unter: https://soundcloud.com/miss-mindfuck/tracks

Das ist der heutige:

„Mich reizt das schon, aber ich hätte dann dauernd Angst, dass mein_e Partner_in jemand Besseren findet.“

Die Aussage finde ich seltsam. Das bedeutet ja, dass du davon ausgehst, dass du gerade nur Lückenfüller bist, weil dein geliebter Mensch bisher „nichts Besseres“ gefunden hat.

Und wieso glaubst du, dass das Risiko der Trennung für einen anderen Menschen in einer offenen Beziehung höher ist?
Aus meiner Sicht ist genau das Gegenteil der Fall:

Monogames Szenario: Eine_r der Partner_innen verknallt sich in jemand anderen. Zuhause kann nicht drüber gesprochen werden, wodurch die Sache an Bedeutung gewinnt – den Reiz des Verbotenen kennst du selbst sicher auch nur zu gut. 😉 Dadurch, dass nichts ausgelebt werden kann, wird immer noch mehr auf die Person projiziert, wodurch auch der Reiz noch größer wird. Letztendlich kommt es in vielen Fällen entweder deswegen zur Trennung („Ich hab mich in jemand anderen verliebt.“) oder es kommt erst zum Sex und die Trennung ist eine Folge davon – völlig unabhängig davon, ob die eigentliche Beziehung gut funktioniert hat oder nicht und ob man sich liebt – da wird dann gern der alte Glaubenssatz „Wenn man sich wirklich liebt, passiert das nicht.“ herangezogen.

Polyamores Szenario: Man lernt sich kennen, hat Sex, ist vorher, währenddessen oder nachher ein bisschen verschossen und vielleicht, vielleicht wird auch Liebe daraus. Ist aber alles kein Grund dafür, die bisherige Beziehung zu beenden – dazu kommt es nur, wenn in der Beziehung selbst echt viel nicht passt.

Kleine Anmerkung am Rande, auch in Bezug auf den nächsten Punkt: Wenn eure monogame Beziehung kriselt, versucht bitte nicht, sie dadurch zu retten, dass ihr sie öffnet, sondern arbeitet erst an dem, was da ist, und öffnet sie, wenn ihr wollt, nachdem ihr auf einen Nenner gekommen seid.

Ich selbst finde aber unabhängig davon, dass ich auch dann etwas gewinne, wenn jemand mich für eine andere Person verlässt. Immerhin schafft das auch Raum für Menschen in meinem Leben, die besser zu mir passen.

So oder so ist es – ob nun Mono oder Poly – aus meiner Sicht ratsam, bei der Angst selbst anzusetzen, sich den Hirnfick und die dahinter liegenden Verletzungen anzuschauen und diese bei sich selbst zu heilen.

„Findest du dann alle Monogamisten scheiße?“

Wenn ich alle Menschen mit einem anderen Lebensmodell als meinem scheiße fände, hätte ich ein ganz schön beschissenes Leben.
Ich will auch niemanden von irgendwas überzeugen, denn generell ist es mir schnurzpiepegal, was andere Menschen tun oder nicht.
Was mir aber nicht egal ist und ich durchaus scheiße finde, ist, wenn Monogamie – allen Fakten zum Trotz! – als natürliche Lebensform dargestellt wird und dann auch noch jahrhundertealte (!) Glaubenssätze als Argumentationsgrundlage bzw. vermeintliche Rechtfertigung dafür dienen, alle zu verurteilen, die sie hinterfragen.

„Was willst du denn stattdessen?“

Zum Nachdenken anregen und dazu, die eigenen Glaubenssätze mal zu überprüfen.

ECHT viele Menschen antworten auf die Frage „Was wäre für dich ein Trennungsgrund ohne Diskussion?“ wie aus der Pistole geschossen mit „Fremdgehen“.

Wie gnadenlos muss man sein, wenn eine langjährige Beziehung, all ihre Höhen und Tiefen, alle gemeinsamen Erinnerungen, all die Liebe, das Vertrauen, die durchgevögelten und durchgequatschten Nächte, kurz, ALLES, was eine Partnerschaft eben ausmacht, plötzlich auf Sex reduziert und OHNE DISKUSSION weggeworfen wird?

„Findest du Fremdgehen dann okay?“

Nö und ich bin selbst auch noch nie fremdgegangen und habe auch nie fremdgeknutscht, weil Loyalität und Ehrlichkeit zu meinen höchsten Werten zählen und ich mich an getroffene Absprachen halte.
Ich war aber durchaus auch in Zeiten, in denen ich monogam gelebt habe, mal „fremd-verknallt“. Wer das nicht kennt, noch nie beim Sex an jemand anderen gedacht oder sich im Urlaub oder der Disco für einen ganz kurzen Moment gewünscht hat, Single zu sein – meinen herzlichen Glückwunsch! Du zählst zu den wenigen Menschen, die wohl wirklich für Monogamie geschaffen sind. 😉

Ich finde es völlig legitim, sich für eine monogame Beziehung zu entscheiden – wenn es denn WIRKLICH eine reflektierte Entscheidung ist, was leider nur selten vorkommt – und ich unterstütze meine Freunde, die monogam leben, in Beziehungsfragen genauso sehr wie die, die polyamor leben.
Wenn jemand fremdgeht oder in irgendeiner anderen Art betrügt, finde ich das trotzdem absolut um Kotzen und fühle mit der betrogenen Person mit.
Aber GENAU DESWEGEN möchte ich selbst eine Beziehungsform, die möglichst viel Offenheit und Transparenz ermöglicht und wo Gefühle für andere Menschen nicht unter den Teppich gekehrt und tot geschwiegen werden müssen.

„Ich finde das schon interessant, aber ich kenne ein Pärchen, die das probiert haben und da hat es gar nicht geklappt.“

Wie viele Leute kennst du, deren monogame Beziehungen oder gar Ehen gescheitert sind? Kannst du die überhaupt zählen?
Wäre es nach der Logik nicht erst recht angebracht, dein bisheriges Beziehungsmodell zu überdenken? 😉

Ich weiß, ich hatte Buchtipps angekündigt. Die kommen, damit der hier nicht zu lang wird, dann doch in einem eigenen Beitrag. 😉


Wie du vielleicht weißt, kann ich aufgrund meiner beHinderungen keiner „normalen“ Erwerbstätigkeit nachgehen und mich hier und in sozialen Netzwerken aktivistisch zu betätigen, ist quasi mein Job. Falls dir gefällt, was ich mache, und du mich und den Vierbeiner mit einem kleinen Betrag unterstützen möchtest, kannst du das zum Beispiel  über meinen Amazon-Wunschzettel, über Gynny oder über Patreon:-) Danke dir sehr! ❤

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17 Kommentare zu „Fremdge(hirn)fickt – IV

  1. Ich danke dir für deine ausführlichen Texte. So in diese Richtung denke ich auch und den ganzen Kram mal so klar formuliert zu haben, finde ich gut und hilfreich. 🙂

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      1. Ich hab deinen Blog gestern noch zwei Freunden weitergegeben, weil bei denen das Thema „nichts sollte angenommen werden, alles muss kommuniiziert werden“ so gut passte. Sieht so aus, daß ich den Blog noch weiter unter die Leute streue 🙂
        Sarah 🙂

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  2. Sehr schön! Dein Blog regt an zu neuen Diskussiosthemen für das monatliche Treffen der Polyschlampen. Das finde ich bemerkenswert.

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  3. Ich find’s auch schick! Wo stecken denn die angekündigten Buchtipps, hab‘ ich die irgendwo übersehen? Würd‘ mich super interessieren, wenn Du da eine gute Liste hast…

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    1. Danke! 🙂 Nein, ich hab das nur doch nicht so auf die Reihe bekommen, wie ich wollte – ich wollte zu jedem Buch noch eine Zusammenfassung schreiben und dafür jedes nochmal querlesen, damit ich das alles möglichst „frisch“ auf dem Schirm habe und hab’s dann einfach nicht hinbekommen *hust* – kommt aber spätestens Anfang Januar, versprochen! 🙂

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  4. Hallo liebe Ash, ich freue mich erst einmal über deine wertschätzende und achtsame Art, deine Ideen und Gedanken zu vermitteln. Dann fand ich deine Beiträge zu Polyamorie sehr klar und deutlich auf den Punkt gebracht. Für mich ist das Thema erst zwei Monate neu und mein Lebensmensch und ich sind da gerade am Probieren. Habe mir auch gleich das Buch „Schlampen mit Moral“ bestellt und lese gerade „Wenn man mehr als einen liebt…“. Ja, und das wichtigste ist natürlich die offene, achtsame und wertschätzende Kommunikation mit seinem Lebensmenschen. Da hilft mir sehr, sehr die Kommunikation, die uns Rosenberg gelehrt hat (GfK). Die hilft uns, uns auf einer viel tieferen Ebene zu begegnen und uns so nahe zu sein wie noch nie. Mal sehen, wie es weiter geht … Im Herzen dir verbunden, Anaktoria

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  5. Gern gelesen, gehe mit vielen Dingen konform.
    Und ja, irgendwann kommt man in dem Zusammenhang bei GfK an. Oder sie ist die Voraussetzung…?
    Wer weiß das schon?
    😃

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    1. 😀 Danke! 🙂 Ich würd’s nicht als Voraussetzung sehen, aber sagen, damit’s möglichst wenige Konflikte gibt oder Konflikte nicht ausarten, ist’s auf jeden Fall sinnvoll, auf die eigenen Formulierungen zu achten. 🙂

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      1. So… Einen Tag drüber sinniert und für mich festgestellt: GfK ist die Voraussetzung. Egal, ob explizit oder implizit. Wer GfK lernt, lernt, was es braucht, Polyamorie zu leben und erfüllt zu gestalten. Wer das schon kann, braucht keinen Anfängerkurs in GfK, da er das Menschenbild, was dahinter steht, bereits verinnerlicht hat…
        Was natürlich nur meine högschd subjektive Ansicht spiegelt…
        😉

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