Wer braucht den Scheiß? Heute: Gender Gaps/-Sternchen

Inhaltswarnung: Ableistische Sprache (kursiv)

Zeit für Geständnisse:
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich eines schönen Tages im Jahre 2012 auf den Beschluss der Grünen Jugend zum Thema Gender Gaps stieß.
Darin stand, das Binnen-I sei nicht ausreichend, um alle Menschen anzusprechen und das gesamte zweigeschlechtliche System müsse abgeschafft werden, da es immerhin auch Personen gebe, die sich diesem nicht zugehörig fühlten.

So empathisch und wissbegierig ich grundsätzlich auch sein mag – das war einer der Momente, in denen einfach gar nichts bei mir ankommt.
„Wer braucht den Scheiß?“ dachte ich mir und :„Wie abgehoben sind die denn?“ In einer ähnlichen Form habe ich das auch kundgetan und regen Zuspruch erhalten.
Bescheuert, die Gender-Leute. Die sollen sich mal wieder beruhigen. Das behindert den Lesefluss ja wohl total! Gibt’s keine größeren Probleme, um die man sich kümmern sollte? Ja. Alle Klischee-Sätze mal rausgehauen oder zumindest gedacht. Gruß an die „Asylkritiker_innen“: Ich war und bin nicht besser als ihr. Und die kommentierenden Leute aus meiner Freundesliste auch nicht. Danke fürs Spiegeln!
Damit war die Sache für mich erst einmal abgehakt. Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht!
Falls es dir also auch so geht, wenn du so was liest: Fühl dich verstanden.

Heute schäme ich mich dafür. Nicht nur, weil ich mich aufgeführt habe wie die Axt im Walde, sondern, weil diese Lücke, die so wenig Aufwand bedeutet und doch einen so großen Unterschied macht, eigentlich doch gerade Platz für Menschen wie mich schafft. Für diese Erkenntnis musste ich mich aber erst öffnen und vielleicht war auch meine Abwehrhaltung nur ein riesengroßes Klischee.

Wenn ich keine Information über mein mir bei der Geburt zugewiesenes Geschlecht hätte, könnte ich mich einfach nicht einordnen. Nicht einmal, wenn man mir ’ne Pistole an den Kopf halten würde. Ich fühle mich nicht als Mann oder Frau, sondern als ich – als Mensch mit genauso vielen (oder eher mehr)„typisch männlichen“ wie „typisch weiblichen“ Eigenschaften, aber auch einer tiefen Abneigung gegen Verallgemeinerungen.
Kann man sich als Frau überhaupt männlich verhalten und umgekehrt?
Woher weißt DU, dass du Frau bist, wenn du die äußerlichen Merkmale mal außen vor lässt? Und woher weißt DU, dass du Mann bist, wenn du das Gleiche tust?

Ist das für jede_n so einfach zu beantworten?

Ich weiß es nicht, schließlich kann ich nur von mir und meinem Empfinden ausgehen und das ist da ganz schön diffus und eher mittelgrau als schwarz/weiß.
Wie muss es erst Intersexuellen  gehen, die auch biologisch weder männlich noch weiblich sind? (In Deutschland etwa 150-340 Neugeburten pro Jahr!)

Ich beende diesen Eintrag also als Versuch der Wiedergutmachung und Bereinigung meines Gewissens mit einem Plädoyer für Gender Gaps (_) oder -Sternchen *.
Vielleicht bist du ja weniger verbohrt als ich es damals war und kannst dich schneller damit anfreunden.
Auch, wenn du selbst ganz klar in deiner Geschlechtsidentität bist: Es ist ein Zeichen der Anerkennung dessen, dass es eben doch mehr gibt als nur Frauen und Männer oder schwarz und weiß.
Meiner Erfahrung nach gewöhnt man sich auch oder gerade als sprachaffines Wesen an die neue Lesart sehr schnell. 😉

Zum Schluss noch was zum Schmunzeln – nämlich die Reaktionen darauf, wenn mal in einem Artikel kein generisches Maskulinum, sondern ein generisches Femininum verwendet wird.


Wie du vielleicht weißt, kann ich aufgrund meiner beHinderungen keiner „normalen“ Erwerbstätigkeit nachgehen und mich hier und in sozialen Netzwerken aktivistisch zu betätigen, ist quasi mein Job. Falls dir gefällt, was ich mache, und du mich und den Vierbeiner mit einem kleinen Betrag unterstützen möchtest, kannst du das zum Beispiel  über meinen Amazon-Wunschzettel, über Gynny oder über Patreon:-) Danke dir sehr! ❤

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17 Kommentare zu „Wer braucht den Scheiß? Heute: Gender Gaps/-Sternchen

  1. Es bleibt dennoch dabei, dass es absolut unpraktisch ist. Ich musste mich mal mit der niedersächsischen Gemeindeordnung beschäftigten und es ist ein Krampf.
    Bei einem Anteil von 0,018% intersexuellen an der Bevölkerung wird die Bereitschaft, das noch um unterstriche zu ergänzen gering sein (man konnte ja auch einfach alles in Blindenschrift schreiben, ableismus und so, will aber auch keiner der sehen kann).
    Die Frage ist, ob die nutzen tatsächlich vorhanden sind, wenn man eine Kunstsprache neben dem täglichen Gebrauch schafft.
    Erhöht das nicht eher das Gefühl nicht mit gemeint zu sein?

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    1. Die Lücke ist ja auch nicht „nur“ ein Raum für Intersexuelle, sondern auch für alle anderen Menschen, die sich im binären System nicht einordnen können oder wollen. Aber klar, du hast natürlich Recht damit, dass das nur ein sehr kleiner Teil der Gesamtbevölkerung ist(, der aber vermutlich auch wächst, je mehr traditionelle Geschlechterrollen sich auflösen).
      Ich schätze, das eigene Empfinden hängt vor allem damit zusammen, wie achtsam man selbst mit Sprache umgeht. Ich störe mich z.B. auch daran, wenn jemand Verallgemeinerungen benutzt, die eigene Meinung nicht als solche kenntlich macht etc. – ich weiß aber auch, dass das Dinge sind, die sehr vielen Menschen gar nicht auffallen (weil sie selbst so kommunizieren).
      Ich fände es schön, wenn nicht zwischen Sprache für den täglichen Gebrauch und Kunstsprache unterschieden werden würde, sondern sich unsere Sprache so entwickeln würde, dass diese Unterscheidung nicht mehr nötig ist – ob nun durch Gender Gap/-Sternchen, geschlechtsneutrale Pronomen oder irgendwas anderes – oder vielleicht auch nicht, denn vielleicht reicht es auch, wenn Unterstriche „nur“ so häufig genutzt werden, dass sie auffallen und zu einem Umdenken führen bzw. überhaupt die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass es mehr gibt als zwei Geschlechter.
      Ich glaube, damit wäre schon viel gewonnen…in meiner (naiv-idealistischen?) Vorstellung wäre sowieso alles gut, wenn Menschen sich gegenseitig alle einfach ein bisschen mehr verstehen würden. 😉

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      1. Etwas Ähnliches sagte mir gestern ein guter Freund auch – ich kann dazu nichts sagen, weil ich die Erfahrung selbst nicht gemacht habe und natürlich auch nicht weiß, worauf du dich konkret beziehst.

        Ich kann das Bedürfnis, mal unter sich zu sein, nachvollziehen, weil ich aus meiner Erfahrung und der von Menschen aus meinem Bekanntenkreis weiß, wie anstrengend es sein kann, wenn diese Abgrenzungsmöglichkeit nicht da ist – z.B., weil man dauernd angegafft wird.
        Ich verstehe aber auch, dass dadurch dann der Eindruck entstehen kann, als Cisperson unter Generalverdacht zu stehen und dass das erstmal uncool ist.

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      2. Unter sich sein finde ich vollkommen okay. Darum geht es nicht
        Eher darum, das man plant, das „normale“ zu bekämpfen, weil es über normativitäten alle Probleme hervorruft.
        Häufungen wird es aber immer geben, weil die Ursachen dem Grunde nach in der Biologie liegen (wer sich etwas mit evolution beschäftigt den ist leicht verständlich, das Heterosexualität häufiger sein muss als asexualität oder (reine) Homosexualität).
        Ich glaube, das unser Gehirn schlicht so arbeitet: regeln /Häufungen erkennen und diese zur Grundlage machen.
        Aus dem Mechanismus können wir nicht raus. Aber er ist auch nicht absolut, eine Ausnahme von einer Grundlage wird ja nicht per se negativ gewertet.
        Aber zum obigen zurück: es gibt aus meiner Sicht in dem Bereich sehe radikale Personen, die jede Erwähnung von Mann und Frau bereits als cissexismus werten. Und nach der Privilegientheorie den Ansatz, das cispersonen eben handeln müssen um ihre Privilegien zu reflektieren und Diskriminierungen abzubauen. Das ist aus meiner Sicht ein schuldvorwurf, der ein Verständnis nicht fördert

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      3. Ja, sehe ich genauso – zumal ich selbst auch keine Idee hätte, wie man das besser machen könnte. Othering i.S.v. „Männer, Frauen und Andere“ wäre auch nicht unbedingt optimal, Sternchen nach Mann und Frau finde ich nicht schlecht, störe mich aber auch nicht zwingend daran, wenn sie nicht da sind – aus meiner Sicht hängt es vom Text ab, ob die Erwähnung überhaupt sinnvoll ist. Wenn eben speziell Männer und Frauen gemeint sind, ist es doch schwachsinnig, nichtbinäre Geschlechtsidentitäten auch zu nennen, nur damit sie da stehen.
        Und für den Fall, dass es heißen soll, dass Trans*-Menschen nicht mit gemeint sind, diskriminiert ja gerade die Person, die sich darüber echauffiert, dass nur von Mann und Frau gesprochen wird, weil sie damit impliziert, Trans*-Menschen wären keine „richtigen“ Männer oder Frauen.

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  2. Inzwischen kenne ich eine Menge Menschen, die weder-noch sind. Davon wehren sich viele gegen solche binären Zuschreibungen. Das betrifft Personalpronomen und Endungen. Ich finde es ja gut, wenn wir über Sprache dafür sensibilisieren, dass es eben mehr als‘ Frauen‘ und ‚Männer‘ gibt.
    Befremdlich finde ich, dass sich cis-Menschen so schnell diskriminiert fühlen, wenn jemensch nach einer neo-identitären Sprachregelung verlangt. Was sollen dann erst die sagen, die sprachlich überhaupt nicht sichtbar werden?
    Ich gebe zu, dass der Neusprech kompliziert und frecherweise auch noch höchst fluide ist. Aber dafür haben wir graue Zelle und emotionale Intelligenz. Oder sollten sie zumindest haben.
    Ceterum censeo: Absolution erteilt, soweit mir das zukommt, liebe missmindf0ck! (Eigentlich wollte ich nur das sagen …)

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    1. *Schweiß-von-der-Stirn-wisch* PUH! 😀
      Danke! 😀
      Und ja… SO ein riesen Ding ist die Schreibweise nun wirklich nicht – aber ich hab ja auch ein bisschen gebraucht, um das zu begreifen 😀

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    2. „Befremdlich finde ich, dass sich cis-Menschen so schnell diskriminiert fühlen, wenn jemensch nach einer neo-identitären Sprachregelung verlangt. “

      Ich denke, das siehst Du falsch.
      Ich jedenfalls fühle mich nicht „diskriminiert“ davon, sondern allenfalls belästigt.
      Belästigt von diesem Anspruch einer absoluten Minderheit, unbedingt allen Menschen eine veränderung der Sprache aufdokorn zu dürfen.

      Als ADHS-Betroffener gehöre ich einer benachteiligten Minderhiet an, die mit ca. 5% der Gesamtbevölkerung einen erheblich größeren Anteil aufweist als alle nicht-cis Menschen zusammengenommen.
      (solange man Homosexuell nicht all zu weit fasst – man kann Bisexualität natürlich da miteinbeziehen und so weit fassen, dass jeder, der sich schon mal erotisch vom gleichen Geschlecht angezogen gefühlt hat, darunter fällt. aber das sind nicht mehr „nicht – cis Menschen“.

      Ich wünsche mir dabei auch, dass darauf in angemessener Weise Rücksicht genommen wird – aber niemals würde ich einen solchen Zirkus gutheißen, wie er Gegenwärtig um den Gendersprech veranstaltet wird.

      Wenn immer mehr immer kleinere Minderheiten in solcher Weise „Rücksichten“ von der Mehrheit „einfordern“, wird Zusammenleben jedenfalls sicher nicht einfacher, sondern immer komplizierter.

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      1. Ich sehe nicht dass das etwas mit Empathie zu tun hätte.
        Empathie sehe ich in erster Linie individuell und nicht kollektivistisch.

        Wenn ich allerdings eine kollektivistische Sichtweise versuche, dann sehe ich hier, dass eine ausgesprochen kleine Minderheit allgemeine Sprachregelungen durchzudrücken versucht, die allgemein gelten sollen. Hier wird also versucht, die (angeblichen) Bedürfnisse einer bestimmten Minderheit in einer Form durchzudrücken, die allgegenwärtig ist.
        Wenn das tatsächlich viele Minderheiten versuchen, dann wird tatsächlich das Zusammenleben komplizierter. Es gilt einfach immer mehr zu beachten.

        Es spricht überhaupt nichts dagegen, Bedürfnisse bestimmter Minderheiten „empathisch“ zu unterstützen – aber nicht in einer Form, die von allen verlangt, allgegenwärtig auf diese Minderheit aufmerksam gemacht zu werden.
        Ansonsten möchte ich als ADHS-Betroffener auch „mehr sichtbar“ gemacht werden – ADHS ist eine beträchtliche Einschränkung fürs Arbeitsleben. Ich möchte, dass das“sichtbar gemacht“ wird, so dass das in allen amtlichen Verlautbarungen erkennbar wird.

        Christian hat die Blindenschrift erwähnt – Blinde können mit den allermeisten schriftlichen Erzeugnissen nichts anfangen.
        Es genügt mir nicht, dass Publikationen auch für Blinde zugänglich gemacht werden – sei es durch zusätzliche Veröffentlichung in Blindenschrift oder durch Screenreader. Ich möchte, dass in allen lesbaren Publikationen „sichtbar gemacht“ wird, dass es auch Blinde gibt, die erst mit Zusatzhilfe solche Texte lesen können. andernfalls fühlen sich Blinde „unsichtbar gemacht“, denn jeder gedruckte Text impliziert ja, dass er von jemand sehendem gelesen wird, und dadurch die Blinden unterschlägt und unsichtbar macht.

        Und und und –

        Es geht einfach nicht, dass Minderheiten eine solche allgegenwärtige „Sichtbarkeit“ einfordern in einer solchen Form, wie das gegenwärtig mit sexuellen Minderheiten propagiert wird.

        Eine solche Betonung ist Notwendigerweise eine Privilegierung dieser Minderheiten gegenüber anderen Minderheitskategorien.
        Denn es lassen sich aus dem Stand heraus mindestens 10 Minderheitskategorien benennen, die alle das selbe Recht hätten, immer und jederzeit „sichtbar gemacht“ zu werden – mit etwas Nachdenken werden es mehr und mehr. Hunderte und tausende sind da denkbar. Das ist eine groteske Überforderung, alle diese Kategorien jederzeit „sichtbar zu machen“.
        Die Forderung des Genderlagers nach sprachlicher Sonderbehandlung ihrer Minderheitenkategorie ist daher ein überzeichneter Anspruch.

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      2. Ich finde, du vergleichst da Äpfel mit Birnen. Eine ADHS-Erkrankung ist vermutlich nicht das, worüber du dich in erster Linie definierst – die Geschlechterrolle trägt aber im Normalfall einen sehr großen Teil zum eigenen Identitätsempfinden bei (und wenn man mal Frauen+nichtbinäre Geschlechter als bisher nicht direkt angesprochenen Gruppe nimmt, ist das nicht einmal eine Minderheit).

        Generell bin ich aber durchaus der Ansicht, dass bspw. auf ADHSler in Schule und Beruf Rücksicht genommen werden sollte (und ich meine, dass man damit auch durchaus einen GdB bekommen kann, oder?) und dass auch in der Hinsicht sehr viel schief läuft.

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      3. Ob ich mich darüber „definiere“ sei mal dahingestellt.
        Nein, ich denke nicht.
        Aber ADHS ist als Eigenschaft sehr dominant und beeinflusst deutlich alle Aspekte meines Lebens. Das ist mir durchaus klar geworden in der Zeit seit meiner Diagnose. Und in meinem Identitätsempfinden hat diese Erkenntnis sich sehr deutlich niedergeschlagen.
        Das ist nicht für jeden Betroffenen so, aber für mich und viele andere, die ich kennengelernt habe, ebenfalls.
        Insofern finde ich Deine Entgegnung unzutreffend. Wäre ich etwas kleinlicher, wie man das im Genderlager so üblicherweise ist, könnte ich darüber tief beleidigt sein.
        Tatsächlich sehe ich es so, dass Du dabei ADHS in seiner Gesamtauswirkung auf ein Leben bei Weitem nicht so ernst nimmst, wie es sich für mich darstellt.

        Jedenfalls zeigt Deine Antwort, dass Du die Kategorie Geschlecht in einer Weise hervorhebst, gegenüber der Du andere Kategorien geringschätzt und abwertest. Auch andere Eigenschaften können für die Identitätsbildung sehr Wesentlich sein. Wir sind nicht nur Geschlecht.

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      4. Wie liest du aus meinen Aussagen, dass man mit ADHS einen Gdb (Grad der Behinderung) bekommen müsste und dass ich durchaus der Ansicht bin, dass (auch) auf Menschen mit ADHS in Schule und Beruf viel mehr Rücksicht genommen werden sollte, heraus, dass ich die Auswirkungen der Erkrankung nicht ernst nehme? 🙂

        Zum Rest siehe meine Antwort auf deinen Kommentar in Christians Blog. 🙂

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      5. Lass es mich mal so ausdrücken:
        Die „Anforderung“ von Gendersprech ist ja durchaus, dass man mit nicht weniger zufrieden ist, als dass das Gegenüber diese Sichtweise zu akzeptieren hat.
        Man möchte hier eine Sprachnorm setzen und durchsetzen.
        Etwas anderes ist „nicht gut genug“.
        Du forderst eine sehr bestimmte Form ein. Okay, möglicherweise nicht Du, aber die meisten Vertreter dieser Sprechformen, die ich bislang kennen gelernt habe.

        Zu ADHS:
        Tatsächlich empfinde ich ADHS als „Störung“ in dem Sinne, dass ich in bestimmten Dingen eingeschränkt bin in meinen Fähigkeiten, am Leben in gleicher Weise teilzunehmen wie nichtbetroffene, bzw. in vielen Bereichen an Probleme stoße, die für nichtbetroffene bei weitem nicht in selbem Maße eine Hürde darstellen.

        Dennoch empfinde ich mich nicht als „krank“. Die Bezeichnung „Erkrankung“ mag ich daher nicht besonders.
        Ich möche eigentlich als möglichst normal am Leben teilnehmen können.
        Was ich mir dazu wünsche ist, dass die Besonderheiten dieses ADHS „beachtet“ werden und insofern berücksichtigt, dass ich an bestimmten Stellen „anders“ bin und anders „funktioniere“ als Nichtbetroffene – ohne ständig damit kämpfen zu müssen, dass man unterstellt, das seien alles nur Ausreden um irgend etwas zu kaschieren oder nicht leisten zu müssen. Ich bin dafür gerne bereit, im Bereich meiner Stärken etwas einzubringen, um das wieder auszugleichen.

        Dies kann deshalb ein geben und nehmen zu aller Vorteil sein.
        Ich möchte in dem Sinne nicht, dass dies als (besondere) „Rücksicht“ deklariert oder gesehen werden muss.
        Ich möchte gerne, dass es dafür keinen GDB braucht, um solche „Besonderheiten“ im Rahmen eines Betriebs ansprechen oder einfordern zu können.

        ADHS ist in dem Sinne „eine bestimmte Art, zu sein“ – die zudem individuell ausgesprochen unterschiedlich ausgeformt sind. (Das führt leider dazu, dass ADHS von vielen als einheitliches „Störungs-„bild nicht anerkannt wird – sind ja alle zu verschieden – das muss doch eine Phantasiegeschichte sein. Der wesentliche Punkt ist, dass ADHS sehr viel mit individuellen Vorlieben zu tun hat – Was man mag, da funktioniert das Belohnungssystem, genau das, was bei ADHS eingeschränkt ist. Daher kann mit ADHS durchaus alles mögliche wunderbar funktionieren – wenn es halt zu den Vorlieben des Betroffenen gehört. Es sind keine konkreten Fähigkeiten eingeschränkt, sondern die Fähigkeit, Dinge nach „Notwendigkeiten“ bewerten und bearbeiten zu können.)

        Und jetzt mache ich folgendes:
        Ich argumentiere, wie meiner Erfahrung nach üblicherweise Sprachfeministen argumentieren.

        Dann komme ich genau da hin:
        Du bezeichnest mich als „krank“ und möchtest mir einen GDB dafür verpassen.
        Ich fühle mich durch Deine Sichtweise nicht Ernst genommen.
        Das zeigst Du z.B. damit, dass Du meine „Art zu sein“ als weniger Grundlegend und weniger „wichtig“, auch weniger Identitätsbildend empfindest als die Kategorie, die Du ständig betonst.

        Für mich ist mein ADHS eine sehr wichtige Kategorie meiner Identität. Ich habe unter Menschen Zeitlebens dieses „Alien-Gefühl“ gehabt, das Gefühl, „fremd“ unter anderen Menschen zu sein – ein Gefühl, dass unter Mitbetroffenen aus der Selbsthilfe verschwindet. Das sind die Leute „vom selben Planeten“ wie ich. Obwohl sie ausgesprochen unterschiedlich sind. Und tatsächlich auch unabhängig vom Geschlecht: Es sind Männer und Frauen von meinem Planeten.
        Und Du sagst mir, Geschlecht sei eine für die Identitätsbildung wichtigere Kategorie?

        Solange Du das sagst, sage ich auch, dass Du die Auswirkungen von ADHS „nicht so ernst nimmst, wie es sich für mich darstellt.“

        Okay – im Grunde gestehe ich Dir eigentlich zu, so zu denken – Du klingst eigentlich schon so, dass Du ADHS „ernst nehmen“ möchtest. Also sage ich lieber, dass Du das nicht wirklich verstehst – und vermutlich auch nicht verstehen kannst als nichtbetroffene.
        Das gestehe ich Dir zu.
        Was ich Dir nicht zugestehe ist:
        Für Deine „Lieblingskategorie“ eine Form von Aufmerksamkeit und sprachlicher Sonderbehandlung für alle durchprügeln zu wollen. Andere Kategorien sind für bestimmte Minderheiten vergleichbar wichtig. Wir können in einer solchen Weise nicht alle Kategorien berücksichtigen. Das ist eine völlige Überforderung. Aber dann hat Geschlecht auch keine Legitimation für eine Sonderbehandlung – vor allem nicht in Bezug auf Minderheiten wie Intersexuelle, die einen verschwindend geringen Anteil an der Bevölkerung haben.

        Es gibt da durchaus kein irgendwie geartetes „Anrecht“, besonders „sichtbar gemacht“ zu werden – keines, das größer wäre als ich als ADHS-betroffener.
        Ein „Alien-Syndrom“ haben auch Autisten – das Gefühl, in einer fremden Welt zu leben, sich wie von einem anderen Stern zu fühlen. Auch das ist ebenso identitätsstiftend – und so stelle ich mir das z.B. auch für Menschen mit Down-Syndrom oder anderen Chromosomalen besonderheiten vor – habe mal einen Klinefelter-Menschen kennengelernt.

        Daher bin ich immer dafür zu haben, Empathie für individuele Besonderheiten aufzubringen – aber eben individuell. Ich bin strikt dagegen, da eine „kollektivistische“ empathie „einzufordern“. Das ist für mich keine „empathie“.
        Rücksichtnahmen und Berücksichtigungen dürfen und sollten individuell beachtet werden. Nur das nutzt und hilft einem jeweils Betroffenen. Gendersprech hilft dagegen gar niemandem etwas.

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      6. Das – sorry – ist für mich jetzt nur in noch mehr Worten wiederholt, was du davor schon geschrieben hast und, ja, auch der Versuch, mir das Wort im Mund umzudrehen. 😉
        Davon, dass ich selbst nicht weiß, wie es ist, durch AD(H)S und Weiteres beeinträchtigt zu sein, hab ich übrigens auch gar nichts geschrieben.

        Ich habe den Eindruck, dass du nicht auf das reagierst, was ich geschrieben habe, sondern auf irgendeine Vorstellung davon, wie ich wohl denke und welche Erwartungen ich an meine Umwelt habe. Du hast nun in mehreren Beiträgen von irgendeinem „üblichen“ Verhalten von Sprachfeministen geschrieben und ich würde es begrüßen, wenn du den Kampf oder was das da ist, dann auch mit denen austragen würdest. 😉
        Ich habe hier nämlich gar nichts eingefordert, sondern nur meine Sicht der Dinge dargelegt und einen Denkanstoß geliefert.

        „Du forderst eine sehr bestimmte Form ein. Okay, möglicherweise nicht Du “ Danke dafür. 🙂

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  3. Du fragst, wie die geschlechtsidentität gefühlt wird, geschlechtsorgane mal ausgeblendet. Um erlich zu sein finde ich die frage unheimlich interessant und wegweisend, ich habe seit gestern darüber nachgedacht.
    Gebohren bin ich als stinknormales weibliches kind, einer hardcore feministin und einem anarchisten, also biologisch, xx, normale entwicklung der geschlechtsorgane.. Heute fühle ich mich einfach als individuum, als mensch. Ich bin von klein auf immerwieder damit konfrontiert worden, mit dem verlangten stereotyp und mit dem kritischen auseinandersetzen mit gerade diesem. Weil ich bis zur 2.klasse sehr kurze haare hatte, dachten immer alle, ich sei ein junge, dazu kannten viele meinen namen nicht, norddeutschland kann so weit weg sein, und sprachen ihn dann nachdem sie ihn endlich verstanden hatten falsch aus..deshalb wollte ich immer betonen, dass ich ein mädchen bin, mit vier überredete ich meine eltern zu ohrlöchern..doch es war mir je mehr ich es versuchte, rosa, schleifen, kleider, pink, immer mehr zu wieder, ich tat ernsthaft sachen, nur weil ich durch gesellschaft und medien der auffassung war, dass mädchen das so tun, bzw kinder und jugentliche in meinem alter. Ich trug glitzerklamotten und hörte britney spiers, weil ich dachte, dass mädchen in meinem alter das so tun. Ich versuchte dazu zu gehören. Obwohl mir das alles zu wieder war, es klappte auch nicht, statt mir was über die trennung von cita durchzulesen oder bsb, lößte ich lieber zu hause stundenlang matheaufgaben, laß, oder kletterte noch lange im patr auf bäume, konstruierte aus pappe plastiken und übte das zeichnen magersüchtiger feen. Erst, als ich mit alternativen stilen konfrontiert wurde, blühte ich auf, schwarzer lippenstift, nietenschmuck, springerstiefel, haare färben, piercings. Zunächst eher grufti, dann entdeckte ich punk neu, pogo tanzen, nicht diese stripbewegungen in clubs, wo sich irgend ein typ von hinten an dir reibt, nein echte bewegung zu echter musik!!!
    Geschlechtsidentität..strapse, zerrissene- und netzstrumpfhosen,kurze röcke, hotpans, solberschmuck, weite t-shirts, hemden, ich hatte meinen stiel gefunden, aber was mich sehr beeindruckte,viel weniger geschlechtsunterschiede, schottenröcke, nietengürtel, -arm, und -halsbänder, iros (darmals war dieser winniiro noch nicht in, bei dem frau sich einen pony stehen lässt, um ihr püppchengesicht zu bewahren), auch die kerle trugen geringelte bunte strümpfe und abgeschnittene jeans, sowie springer. Bh und tanga sowie schminke waren zunähst die einzigen klaren unterschiede. Aber bei den gruftis hatten sich die kerle auch gesvminkt, wieder eine verschwimmende grenze.
    Um erlich zu sein, ich denke menschen sind menschen sind individuen und sie werden von dem moment an, da mensch sie als weiblich oder männlich bezeichnen kann in schubladen gesteckt und machen so geschlechtsspezifische erfahrungen, und es gibt genug studien, diebeweisen, dass alles an geschlechtsspezifischem verhalten sozialisazionsbedingt hervorgerufen werden. Ich denke, wenn ich mein physisches geschlecht außer acht lasse fühle ich mich als ich!!! Ich mag diese aufteilung nach geschlecht nicht, estetig hat auch nichts mit vulva und penis zu tun, also, ich kann einen mann genauso wie eine frau estetisch finden, oder nicht, egal ob sie einen penis hat oder er eine vagina und brüste, es ist schlichtweg nicht ausschlaggebend! Geschlecht hat für mich wenige aspekte. Zum einen den sexuellen, wenn ich auf meinem partner sitze verschlinge ich ihn, er sagt manchmal, dass meine scheidenmuskulatur ihn fast zerdrückt, wenn ich komme (im positiven). Dass wird er selbst anders empfinden, physisch. Aber ich weiß nicht, ob dass typisch frau ist, oder individuell ich. Da ist auch die bedrohung, physisch ist es einfach so, dass ein erwachsener mann mich als physisch weiblich, vergewaltigen, ich als pysisch weiblich ihn nicht, also mit meinen geschlechtsorganen. Und da liegt auch schon das ganze homophobe übel, der heterosexuelle mann fühlt sich durch vielerlei bedroht, durch frauen, die ihre schwänze nicht wollen und nich brauchen und durch männer, die sexuelles interesse an ihnen haben könnten. Durch diese sind männer auf einmal so bedroht, wie frauen durch heterosexuelle männer..da kommt dann eine gefühlskette auf, die in die homophobie führen kann..nur so am rande, jedenfalls fühle ich mich durch unsere patriarchale gesellschaft mit meinem physischen geschlecht durch männer bedroht, die eine 3%ige chance haben für vergewaltigung verurteilt zu werden, es sind angsträume, die ich also meiner geschlechtsidentität zuschreibe und die ausübung von sexualität an sich, lust.
    Nun sind diskriminierung und andere erfahrungen, die ich mache davon abhängig, dass ich als frau gesehen werde, ja, aber diese sind wieder geschlechtsstereotype und gehören zur gesellschaftsidentität von frauen, nicht zu meiner individuellen geschlechtsidentität. Ich hoffe du verstehst, wie ich das meine, jede und jeder soll die identität leben, die sie_er fühlt, ich bin als frau gebohren und lebe meine sexualität als frau, ich kann weder nachfühlen, wie sich cismänner oder transmenschen fühlen, muss ich auch nicht, sind ja ihre gefühle. Für mich seid ihr alle menschen und individuen, für die die gesellschaft eine große, oder eine kleine gefängniszelle spießieger erwartungen gebaut hat, lasst uns sprengstoff besorgen!!!

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