Iiiiiih, BLUT!

Inhaltswarnung: Menstruation, Hate Speech, Frauenfeindlichkeit

Nun komme ich immer noch nicht dazu, endlich den Beitrag zu schreiben, den ich seit Wochen im Hinterkopf habe. Ist aber egal, denn das hier finde ich so wichtig, dass ich es erzählen möchte und es passt auch zu meinem Thema.
Manche von euch haben es vielleicht schon mitbekommen: Louelle Denor, eine Studentin aus Philadelphia, hat auf Instagram ein Foto gepostet, das mit Morddrohungen, Vergewaltigungswünschen und der Aufforderung, sich umzubringen quittiert wurde.


Warum? Weil Menstruationsblut darauf zu sehen war. Kein. Witz.
Vielleicht runzelst du jetzt erst einmal irritiert die Stirn und fragst dich, warum ein Mensch überhaupt auf die Idee kommt, ein Foto von seinen Körperflüssigkeiten online zu stellen.
So ging es mir im ersten Moment auch, also hab ich gegoogelt und ihre Erklärung gefunden.
Sie hat es getan, um auf die Doppelmoral in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen.
Auf Deutsch: „Weißt du, wann du das letzte Mal Blut gesehen hast? War es im Fernsehen oder in einem Film oder einem Videospiel? Es war vermutlich erst vor kurzem – das letzte Mal, dass du dem Anblick von Blut ausgesetzt warst. Wie hast du dich gefühlt? Dachtest du, der Regisseur der Serie oder des Films oder der Urheber des Spiels sollte, oh, ich weiß nicht, sich umbringen? Wahrscheinlich nicht. Mein Punkt ist, dass wir ständig Blut sehen. Es taucht regelmäßig auf und es ist ein Anblick, der als gesellschaftlich akzeptabel erachtet wird. Es ist gesellschaftlich akzeptiert, aus einem menschlichen Körper schießendes Blut in den Nachrichten zu zeigen und auch in jedem anderen Medium, das wir nutzen. Es ist allgegenwärtig und wir denken uns fast nichts dabei, außer, dass es oft mit Gewalt assoziiert ist. Und nun? Ich hab gerade in Call of Duty einem Kerl die Birne weggeballert. Ehrlich, so fühle ich mich jedes Mal. Blut und Gewalt und Gemetzel führen nicht automatisch dazu, dass entsprechende Filme für Kinder nicht freigegeben werden, also haben wir Kinder, die sich selbst Eintrittskarten kaufen und Filme anschauen können, die blutige Szenen darstellen, und im Großen und Ganzen ist das okay für uns. Was wir aber nicht tolerieren, ist der Anblick von Blut, das mit einer Vagina assoziiert wird, SELBST, wenn die Vagina dabei nicht gezeigt wird. Das ist ein Problem.

Kommen wir zurück zum Foto. Im Foto halte ich meine Menstruationstasse (Softcups. Mädels, falls ihr die noch nicht ausprobiert habt, tut es! Sie sind großartig und ihr könnt, WÄHREND IHR SIE TRAGT, Sex haben, ohne, dass was daneben geht. Das ist unbezahlte Werbung) und von meinen Fingern tropft Blut. Man sieht meine Vagina nicht und weiß vermutlich auch nicht einmal, was zum Teufel ich da in der Hand halte. Der einzige Grund dafür, dass du weißt, dass es sich um Menstruationsblut handelt, ist, dass ich es dir sage. Theoretisch könnte es genauso Kunstblut sein und du könntest es nicht unterscheiden. Folgender Fall liegt also vor: Da ist ein Foto mit blutigen Fingern und einer seltsamen Scheibe. Ist das für sich selbst genommen beleidigend oder anstößig? Ich bin sicher, du stimmst mir zu, dass es das nicht ist. Gepaart mit der Andeutung, dass es aus meiner Vagina kam, verwandelt sich die Aussage des Bildes in etwas Obszönes. (…)

Eine der meistgenannten Rechtfertigungen, die Menschen für ihre Aggression und ihren Unmut genannt haben, ist, dass Menstruationsblut eine Körperflüssigkeit und somit eine intime Sache ist, um die man sich im Verborgenen kümmern sollte.
Das Problem an dieser Aussage ist allerdings, dass Blut nicht zu den Körperflüssigkeiten gehört, die wir – gesellschaftlich gesprochen – als anstößig empfinden. Wie ich bereits sagte: Blut ist omnipräsent in unseren jugendfreien Unterhaltungsmedien. Das gilt nicht für andere Körperflüssigkeiten. (…)
Wenn ich bei einer Party wäre und mir in den Finger schneiden würde, wäre, obwohl mir das Blut vom Finger tropfen würde, niemand zutiefst angeekelt oder würde sich beleidigt fühlen. Natürlich wäre es nicht angenehm, aber jemand würde mir ein Pflaster geben und ich würde nicht darum gebeten werden, zu gehen. Ich würde keine Scham oder Peinlichkeit empfinden. Ich müsste mir keine Sorgen um meinen Ruf machen. Das liegt alles an der kulturellen Akzeptanz von Blut. (…)
Noch einmal, das grundlegende Problem kann auf meine Vagina heruntergebrochen werden: Blut ist nur dann anstößig, wenn DAS seine Quelle ist.

Schau, du musst mein Bild nicht mögen oder die Werte teilen. Aber liege ich so falsch, wenn ich hoffe, ein Foto mit blutigen Händen und einer seltsamen Scheibe posten zu können, ohne, dass mir dafür angedroht wird, mich mit Sperma zu besprühen oder mich anzuzünden? Offensichtlich ist das kein Risiko, solange ich in meiner Wohnung sitze. Aber Frauen in diesem Land werden routinemäßig vergewaltigt, um sie „eine Lektion zu lehren“. Frauen leben mit dem ständigen Risiko, Gewalt ausgesetzt zu sein – weil sie ihre Meinung sagen, weil sie Fotos hochladen, weil sie über ihre Vaginas reden, weil sie kurze Röcke tragen, weil sie enge Kleidung tragen, weil sie zickig sind, weil sie zickig aussehen, weil sie zickig klingen, weil sie sich schlampig verhalten, weil sie nicht einfach zu haben sind, und die verdammte Liste geht immer weiter. Das ist ein RIESEN Problem. Ist es wirklich. Als jemand, der mehr als ein Mal unter sexueller Gewalt litt, lasst mich euch sagen: Es ist weit verbreitet und muss ernst genommen werden.
Idioten im Netz? Sagt, was ihr wollt. Allerdings gibt es diese Idioten draußen in der Welt auch und sie bringen ihre Ideen über Frauen und Feminist_innen mit sich. Wenn sie gewillt sind, Gewalt anzudrohen, sind sie gewalttätige Menschen, egal, ob sie diesem Impuls folgen oder nicht. Gewalt ist nicht nur körperlich. Gewalt gegenüber Frauen online ist so allgegenwärtig wie Blut in der Unterhaltungsindustrie. Und ich schätze, damit verabschiede ich mich.

Ich gebe zu: Ich bin selbst nicht scharf darauf, Körperflüssigkeiten zu sehen (jegliche Art von Blut eingeschlossen!) und ich unterschreibe nicht jede ihrer Aussagen zu 100%, aber DAS finde ich schon ganz schön cool und nach dem zu urteilen, wie viele der Reaktionen darauf ausgefallen sind, wohl auch wirklich bitter nötig.
Louelle ist übrigens auch auf Facebook und freut sich über Support – und ich mich, wie immer, über eine Diskussion! 🙂


Wie du vielleicht weißt, kann ich aufgrund meiner beHinderungen keiner „normalen“ Erwerbstätigkeit nachgehen und mich hier und in sozialen Netzwerken aktivistisch zu betätigen, ist quasi mein Job. Falls dir gefällt, was ich mache, und du mich und den Vierbeiner mit einem kleinen Betrag unterstützen möchtest, kannst du das zum Beispiel  über meinen Amazon-Wunschzettel, über Gynny oder über Patreon:-) Danke dir sehr! ❤

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5 Kommentare zu „Iiiiiih, BLUT!

    1. 😀 Mit den Tassen hab ich mich echt einfach noch nie befasst, sollte ich vielleicht mal nachholen.
      Danke für den Link – die Vagina-Wolle ist ja auch mal was. Mein Ding wär’s jetzt nicht, aber interessant ist es auf jeden Fall! 🙂

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      1. Ich hab inzwischen so ’ne Tasse. Ich finde sie ganz gut, allerdings beim Tragen deutlich mehr spürbar und diesen Unterdruck beim Rausholen find ich total unangenehm. Vielleicht mach ich auch einfach was falsch und muss mich da noch dran gewöhnen.

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