MissSirMindfuck

 

Inhaltswarnung: Ich schreibe über Dysphorie und erwähne meine vergangene Essstörung.

Nachdem ich mehrfach Andeutungen in die Richtung gemacht habe, dass ich mich selbst nicht im zweigeschlechtlichen System einordnen kann, hier eine etwas ausführlichere Beschreibung meiner Identität.
Dieser Beitrag ist vermutlich deutlich weniger strukturiert als meine anderen, weil ich dieses diffuse Empfinden schlicht nicht besser beschreiben kann. 😉

Als Kind wollte ich sehr sehr lange ein Junge sein und fand das, was ich als Mädchenverhalten sah, größtenteils unangenehm.  Ich selbst war ein ziemlicher Wildfang und total stolz auf (meinen harten Umgang mit) Wunden und Narben und völlig genervt davon, wenn andere Kinder (meistens Mädchen) wegen einer kleinen Schürfwunde geweint haben.
Ich mochte auch viele Dinge getan, die als „Mädchendinge“ gelten, trug als „Mädchenklamotten“ gelabelte Kleidung und hatte gute Freundinnen, aber die Figuren, mit denen ich mich gut identifizieren konnte,  waren entweder männlich (zum Beispiel Tim von TKKG) oder bei der Geburt als Frau eingeordnet und androgyn (zum Beispiel George von den 5 Freunden, Haruka/Sailor Uranus und Sailor Star Fighter) und mein liebstes „Spielzeug“ war mein Schweizer Taschenmesser.

Als ich in der Pubertät war, wurde eine Hormonstoffwechselstörung diagnostiziert, d.h. ich musste schon mit 12 anfangen, die Pille zu nehmen, weil (Begründung kam dann mit 14 oder 15) „meine „männlichen“ Hormone zu hoch waren“. Damit kamen auch ganz plötzlich „weibliche“ Körperformen, die ich an mir völlig unpassend und unproportional fand (und größtenteils finde), was letztendlich dazu führte, dass ich viele viele Jahre stark essgestört war. (Anmerkung: Für mich passt der Begriff „Essstörung“, weil ich auch sehr darunter litt – andere Leute mögen die Pathologisierung von (ihrem) Essverhalten nicht.)

Die Hormongeschichte wäre an sich gar kein Thema gewesen, aber die Aussage „zu viele männliche Hormone“, die ich in dem Alter nicht verstanden habe oder einordnen konnte und die mir auch niemand erklärt hat, hat mich TOTAL verunsichert und verwirrt und dazu geführt, dass ich plötzlich DOCH super wichtig fand, als Frau wahrgenommen zu werden. Das war, als hätte mir jemand gesagt, ich sei wirklich ein Kerl…uninformiert wie ich damals war, fragte ich mich tatsächlich, ob das nun hieße, ich wäre trans, denn dass Intersexualität existiert, wusste ich auch nicht. 😉
So ein richtiges „girlie“-Mädchen war ich aber echt lange nicht.
Ich hatte meistens mehr Freunde als Freundinnen und mir wurde auch regelmäßig gesagt, ich sei „ja keine typische Frau“. Das wusste ich ja irgendwie und ich WOLLTE auch gar nie eine „typische“ Frau sein, aber es hat auch zu einigen Problemen geführt – in Beziehungen zum Beispiel, weil ich selten wie „andere Frauen“ reagiert und gehandelt habe.
Eine Weile lang habe ich dann – zumindest äußerlich – in die andere Richtung überkompensiert. Außer zum Gassi gehen habe ich nur voll geschminkt, mit gemachten Nägeln und mindestens 10-12 cm-Absätzen das Haus verlassen. Das empfand ich als „nötigen Ausgleich“, in Richtung: „Wenn ich schon charakterlich keine „richtige“ Frau bin, dann doch bitte wenigstens optisch“.

Irgendwann hat sich auch das gelegt, mein Stil hat sich wieder in Richtung Kapuzenpullover, Holzfällerhemden und Biker Boots verändert und ich dachte „Na gut, in meiner Geburtsurkunde steht weiblich und fühle mich zumindest nicht TOTAL falsch in diesem Körper, also muss das schon passen.“, denn ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, dass es nicht nur binäre (=sich im zweigeschlechtlichen System einordnende) trans Personen gibt und dass sich längst nicht alle trans Menschen von Kindesbeinen an eindeutig „im falschen Körper“ fühlen. Es passte aber nicht.
Inzwischen weiß ich, dass es ganz vielen Leuten so geht wie mir und dass nicht nur Sexualität, sondern auch Geschlecht fließend sein kann.

Wenn Menschen über mich sprechen ist mir am liebsten, wenn einfach „Mensch“ oder „Person“ verwendet wird.
Das Pronomen „er“ fühlt sich für mich nicht ganz passend an  – auch, weil ich aufgrund meiner Größe wohl nie als Kerl durchgehen würde, aber weiblich konnotierte Pronomen sind eben auch nicht richtig, deswegen ist mir am liebsten, wenn „sie_er“, „si_er“ oder „they“ für mich verwendet werden oder Leute einfach auf Pronomen verzichten.
Müsste ich mich auf einer Skala einordnen, auf der 0 männlich und 10 weiblich ist, würde ich mich zwischen 3 und 5,5 bewegen.
Deswegen bin ich total dankbar, dass ich dieses Empfinden mit Hilfe von Bezeichnungen wie „non-binary“,  „genderqueer“ oder „transmaskulin“ ausdrücken kann. „Tomboy“/tomboyish mag ich auch.

Ein kleines Update zu meinen Pronomen und meinem Namen findet ihr hier.

 


Wie du vielleicht weißt, kann ich aufgrund meiner beHinderungen keiner „normalen“ Erwerbstätigkeit nachgehen und mich hier und in sozialen Netzwerken aktivistisch zu betätigen, ist quasi mein Job. Falls dir gefällt, was ich mache, und du mich und den Vierbeiner mit einem kleinen Betrag unterstützen möchtest, kannst du das zum Beispiel  über meinen Amazon-Wunschzettel, über Gynny oder über Patreon:-) Danke dir sehr! ❤

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24 Kommentare zu „MissSirMindfuck

  1. Das interessante ist ja, dass hormone sich gerade pränatal, also vier der Geburt, erheblich auswirken und da das Gehirn geschlechtlich vorprogrammiert wird. Das muss nicht an den transbeteich heranreichen, sondern kann auch in andren Masse erfolgen. Sagen dir cah-mädchen zB etwas?
    https://allesevolution.wordpress.com/2011/06/03/congenital-adrenal-hyperplasia-cah/
    Oder aus dem Bereich tomboys
    https://allesevolution.wordpress.com/2012/08/14/tomboys/

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    1. HA! Danke für die Links! Das ist SUPER spannend, zumal ich einige Autoimmunerkrankungen habe, die sich auf die Hormonsynthese auswirken. Evtl. gibt’s da ja auch einen Zusammenhang – ich werde mich damit in dem Fall auch noch eingehender befassen. Danke!

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      1. Ach, übrigens: Ich hab kürzlich auch gelesen, dass eine Studie zum Ergebnis kam, dass überdurchschnittlich viele trans Männer das PCO-Syndrom (was bei mir der Grund für die frühe Pilleneinnahme war) haben. Evtl. ist das für dich auch interessant – ich hab sie nur gerade nicht greifbar (und mir auch überlegt, dass der erhöhte Testosteronspiegel auch Folge von „typischerweise männlicher“ Körpersprache/“männlichem“ Verhalten sein könnte).

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      2. http://humrep.oxfordjournals.org/content/22/4/1011.full.pdf Die da war’s – ich bin bisher allerdings auch nur dazu gekommen, die Zusammenfassung zu lesen…die Liste der Dinge, mit denen ich mich intensiver befassen will, ist zur Zeit sehr lang. 😀

        Ich fände es aber, wie gesagt, auch naheliegend, dass trans Männer in Folge von Lebensstil und Verhalten ohne Testosteronbehandlung schon erhöhte Werte aufweisen – ich musste z.B. direkt an Amy Cuddys TED Talk zur Körpersprache denken (http://www.ted.com/talks/amy_cuddy_your_body_language_shapes_who_you_are?language=en) und an Selbstversuche wie hier http://www.dangerandplay.com/2014/07/30/science-shows-dominant-behavior-posture-increase-testosterone/ bzw. http://www.dangerandplay.com/2014/07/30/raised-testosterone-level-naturally-670/.

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      3. Ich denke nicht, dass man mit seinem Lebensstil so viel machen kann. Zum einen sollte das pränatale Testosteron das wesentliche sein (nach den mit bekannten Studien) und dann glaube ich nicht, dass man es auf den weg so weit erhöhen kann.

        Danke jedenfalls für die Studie, sobald ich Zeit habe mache ich einen Beitrag daraus (was etwas dauern wird)

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  2. Hallo missmindfuck,

    ich wollte mich erkundigen, ob Du zu dem Thema „Hormonveränderung durch Verhalten“ mal einen Beitrag schreiben könntest. ich finde das Thema total interessant, habe mich selbst aber noch wenig damit beschäftigt.

    Liebe Grüße

    Margret

    P. S. Mir ging es so, dass für mich immer schon völlig klar war, dass ich ein Mädchen bin. Gleichzeitig war mir aber auch schon immer klar, dass an mir nichts wirklich Typisches war. Das war aber in meiner Kinderzeit wenig Problem, weil ich immer auch Mädchen und Jungen traf, die das nicht waren und mit denen habe ich dann gespielt. icvh hatte immer Interessen in beide Richtungen, genau wie meine Eltern. Ich hatte immer beide als Freunde, die „typischen“ Mädchen und die „typischen“ Jungen fand ich allerdings schon im Alter von 6 Jahren nervig ;-). Ich weiß noch, dass ich Prinzessinsein voll doof fand, ich wollte Königin sein – da hat man was zu sagen und muss nicht im Turm rumhocken ;-). Im Alter von 16/17 hatte ich diese Holzfällerhemdphase, da wurde ich sehr oft für einen Jungen gehalten (allerdings jünger, so 13). es scheint auch so, dass ich ein sehr androgynes Gesicht habe, ich kann mich extrem leicht verändern. Ohrringe, lange Haare und etwas Schminke – und ich werde als „sehr weiblich“ eingestuft. Alles weg, kurze Haare im „Männerschnitt“, bisschen Abdeckcreme auf die Lippen – „was für ein schöner junger Mann“ (ich wurde dann allerdings immer für wesentlich jünger gehalten). Mittlerweile ginge das aber wohl nicht mehr, da durch die Schwangerschaften der ganze Körper deutlich „weiblicher“ geworden ist (vorher sehr kantig und sehr dünn). Das hat bei mir die Einstellung verstärkt, dass die Wahrnehmung von Männlichkeit und Weiblichkeit sehr sehr stark davon abhängt, wie man sich präsentiert. Bis heute bin ich eine sehr introvertierte Frau, die das Ganze „Bussi, Bussi“ und umarmen irgendwie unangenehm findet, unglaublich schlecht in Small Talk ist und, trotz sehr starkem Einfühlungsvermögen, vielleicht bisserl „autistisch“ wirkt (ohne es zu sein, aber es gab die Frage schon ab und an).

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    1. Da scheinen wir uns teilweise sehr ähnlich zu sein!
      Nachdem Christian das verlinkt hat, will ich übrigens auch die CAH-Sache mal abklären lassen…es würden so viele meiner Symptome dazu passen! (Dass ich so klein bin, die Nebennierenprobleme, die versch. hormonellen Erkrankungen, die ich habe, mein Geschlechtsempfinden,… so viel einfach! Ich hab entschieden, das nächste Woche endlich beim Arzt anzusprechen!)

      Ja, ich schreibe total gern was darüber. 🙂

      „Ich weiß noch, dass ich Prinzessinsein voll doof fand, ich wollte Königin sein – da hat man was zu sagen und muss nicht im Turm rumhocken ;-)“ 😀 DAS verstehe ich so gut. Ich bin und war dazu auch viel zu sehr Machertyp!

      Ich fühle heute mal in mich rein, ob ich mein Wissen zum Thema für groß genug halte, um schon dieses WE darüber schreiben zu können oder ob ich noch weiter recherchieren will. 😀

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