In Gedenken.

Inhaltswarnung: Gewalt, Terror.

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich heute überhaupt bloggen will. In Anbetracht dessen, was ganz aktuell wieder in der Welt passiert, fällt es mir sehr schwer, überhaupt etwas zu formulieren. So viele Leute sagen, „wir“ dürften uns von Anschlägen wie denen in Beirut und in Paris keine Angst machen lassen. Ich dagegen finde es sehr seltsam, unangenehme Emotionen selbst in derart dramatischen Situationen „verbieten“ zu wollen.

Ich habe Angst. Auch, aber nicht einmal so sehr vor Anschlägen, sondern vor allem vor widerwärtigen rechten Arschlöchern und den ekelhaften Dingen, die sie planen und versuchen werden.
Hiermit also erst einmal ein Freischein von mir an euch: Ich finde, wir dürfen Angst haben und weinen. Ich finde, wir dürfen uns entscheiden, uns zurückzuziehen und eben nicht auf die nächste Party zu rennen. Nein, ich finde nicht, dass damit irgendwelche Terroristen gewonnen(!) haben, weil Mitgefühl, Trauer und Angst legitime menschliche Emotionen sind und ich mich dafür nicht entschuldigen oder überhaupt schuldig fühlen werde. Wer Party machen möchte, darf das genauso. Ich finde es nur absolut daneben, Leuten einzureden, sie müssten jetzt feiern, weil alles andere ein Triumph für die Terroristen wäre. So ein unsinniger und falscher Mist, der Menschen nur unter Druck setzt!
________

Auch, wenn das im Vergleich zu der großen Anzahl an Personen, die in den letzten Tagen ermordet wurden, vielleicht irgendwie unbedeutend erscheinen mag: Heute ist der 1. Todestag von Leslie Feinberg und da mich das sehr berührt, möchte ich ihrer_seiner gern gedenken. Bekannt wurde Feinberg, die_der letztes Jahr im Alter von 65 Jahren starb, durch ihren_seinen Roman „Stone Butch Blues“ – eine Geschichte über das Aufwachsen einer Butch aus der Arbeiterklasse, ihren ersten Kontakt mit der Szene, ihre Identitätsfindung. Die Geschichte schildert schonungslos, welchen demütigenden und gewalttätigen, oft auch sexuellen Übergriffen lesbische, schwule und transidente Menschen regelmäßig ausgesetzt waren, wie diese Übergriffe ihren Charakter geformt haben und auch, wie Menschen daran zerbrochen sind. Sie schildert, wie sich klar weiblich identifizierte Butches für Testosteronspritzen entschieden haben, um wenigstens ein halbwegs normales Leben führen zu können und vor welche Schwierigkeiten das „ihre“ Femmes stellte, welcher Diskriminierung auch Femmes ab dem Beginn der Frauenbewegung ausgesetzt waren und so vieles mehr, das ganz konkret greifbar macht, wie sich Leben für „Menschen wie uns“ angefühlt hat.

Die englische Version kann man hier kostenlos als pdf von Leslie Feinbergs Homepage downloaden. Die deutsche Übersetzung gibt’s hier zu kaufen.

Obwohl ich sonst fast ausschließlich Sachbücher lese, lese ich diesen Roman immer wieder gern – auch, um mir bewusst zu machen, wie die Situation sich noch vor wenigen Jahrzehnten für unsere Vorfahren im Geiste gestaltet hat und wie unfassbar dankbar ich dafür sein kann, dass so viele großartige Aktivist_innen unter Einsatz ihrer körperlichen und seelischen Gesundheit für ihre und unsere heutigen Rechte gekämpft haben. Denn bei aller Wut, die bei mir über Ungleichbehandlung, über Heteronormativität und Cissexismus und alle anderen Formen der Diskriminierung vorhanden ist, finde ich es so unglaublich wichtig, auch anzuerkennen, was wir dennoch bereits haben. Darauf möchte ich meinen Fokus heute lenken.
Ich wünsche euch einen schönen (Rest-)Tag und einen guten Start in die neue Woche!
Passt gut auf euch auf!

 


Wie du vielleicht weißt, kann ich aufgrund meiner beHinderungen keiner „normalen“ Erwerbstätigkeit nachgehen und mich hier und in sozialen Netzwerken aktivistisch zu betätigen, ist quasi mein Job. Falls dir gefällt, was ich mache, und du mich und den Vierbeiner mit einem kleinen Betrag unterstützen möchtest, kannst du das zum Beispiel  über meinen Amazon-Wunschzettel, über Gynny oder über Patreon:-) Danke dir sehr! ❤

Advertisements

3 Kommentare zu „In Gedenken.

  1. Danke für dein Beharren auf der Diversität der Gefühlslagen. Ich weiß auch nicht so recht, wie ich mich außer traurig sein über diese Spirale von Unterdrückung, Diskriminierung und Gewalt positionieren soll. Schlimm ist natürlich der zu erwartende anti-islamische in Europa, dieses undifferenzierte ‚wir-haben-es-doch-gleich-gesagt, lasst-sie-nicht-rein‘.
    Zu Leslie Feinberg fiel mir spontan die lesbische Diskriminierung der Achtziger gegen die Femmes ein …
    Aber du hast vollkommen recht, ich bin auch froh über das, was wir schon erreicht haben.

    Gefällt 2 Personen

  2. mich erschreckt, wie kalt mich das lässt.
    all die kriege, an denen wir uns seit mitte der 90er beteiligt haben, wie unsere waffenexporte steigen, dass saudi-arabien und iran von der weltgemeinschaft jüngst berufen wurden für menschenrechte bzw. bildung, wissenschaft und kultur verantwortung zu übernehmen – sowas macht mich fassungslos, traurig, wütend, ehrlich gesagt auch ängstlich.
    terroranschläge hingegen haben im großen und ganzen ihren schrecken für mich verloren.
    erst hab ich mich gefragt: liegt das daran, dass du franzosen eher nicht so magst? (auf mich wirkten französische männer beim flirten bislang sehr schmierig, z.b.) aber nein, auch vergangene terroranschläge in spanien oder england haben mich nicht berührt (Utøya schon, seltsamerweise).

    großer mist ist auch, dass es jetzt unwahrscheinlicher geworden ist das unser Innenminister abdankt.
    wir waren SO kurz davor ihn loszuwerden, menno…

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s