Rumpelstilzchen hat’s raus.

Ich habe keine Statistik darüber aufgestellt, wie oft mir Leute sagen, ich solle mich nicht aufregen – geschätzt passiert es etwa zwei Mal pro Woche. Selbstverständlich auf verschiedene Arten. Von „Das ist nun aber kein Grund, sich aufzuregen.“ bis „Naja -du regst dich halt gern auf, ne!?“ ist alles dabei.
Meistens macht mich das dann erst recht wütend, weil ich es generell unangebracht finde, über anderer Menschen Gefühle zu urteilen. So was steht für mich auf einer Stufe mit „NÖ. Deine Wahrnehmung ist falsch.“ und hat so wenig mit respektvoller Kommunikation auf Augenhöhe zu tun.
Um das nicht unerwähnt zu lassen: Ich finde es in Ordnung, die Art, wie Gefühle ausgelebt werden, zu kritisieren – aber „Dass du wütend bist, ist kein Grund, meine Wohnungseinrichtung zu zerstören“ oder „Wenn du mich anschreist, überfordert mich das.“ ist halt was völlig anderes als ein „Reg dich nicht auf.“.
Mir ist klar, dass das und ähnliche Aussagen („Sei doch nicht traurig.“, etc.) in den meisten Fällen heißt „Ich kann oder möchte damit gerade nicht umgehen/konfrontiert werden.“, aber das macht es nicht hilfreicher – im Gegenteil. Es bedient, wie auch „Konzentrier dich doch stattdessen auf was Positives!“, nur alle Glaubenssätze, die uns (und hier schreibe ich „uns“, weil ich annehme, dass wir die alle haben) „weismachen“ wollen, dass unangenehme Gefühle unterdrückt, beiseite geschoben und weggelächelt werden sollen. Nö. Da mach ich nicht mehr mit. Und ich hab festgestellt, dass das ganz schön gut ist.

Schaue ich mir nämlich an, was mich denn eigentlich so antreibt, ist das in richtig, richtig vielen Fällen Wut. Zumindest, wenn es ums Schreiben oder Sprechen geht. Trauer ermüdet mich eher, manchmal motiviert sie mich auch dazu, zu singen. Sehnsucht geht in eine ähnliche Richtung. Freude motiviert mich allumfassend. Und schreiben, sprechen und vor allem eine Veränderung bewirken – das kann ich fast am besten wütend. Wut lässt mich Leidenschaft spüren, Wut zeigt mir, wofür ich brenne, und Wut lässt mich für mich und für andere eintreten.
Ich hatte wirklich wirklich lange das Problem, dass mir richtige Wut fehlte. Nicht in Bezug auf Ungerechtigkeit gegenüber anderen – das hat mich schon immer sehr wütend gemacht. Verhielt sich mir gegenüber aber jemand missbräuchlich oder übergriffig, wurde ich vielleicht traurig und in vielen Fällen packte mich eine Art von lähmender Fassungslosigkeit. Wütend wurde ich aber selten und wenn doch mal ein kleiner Anflug von Wut spürbar war, habe ich sie dadurch, dass ich die Bedürfnisse der Gegenseite über meine stellte und immer um Verständnis bemüht war, ganz schnell „wegrationalisiert“.
Wichtig ist mir hier: Mitgefühl und Verständnis für andere Menschen ist mit Sicherheit unerlässlich, wenn’s um Beziehungen geht– aber nicht mehr, wenn es zur Co-Abhängigkeit und Unfähigkeit, sich gegenüber Grenzüberschreitungen abzugrenzen, wird . Zu begreifen, dass es durchaus möglich ist, Verständnis und Mitgefühl für eine Person zu haben und dennoch ihr übergriffiges Verhalten zu kritisieren oder den Kontakt abzubrechen, fiel mir wirklich schwer und ich denke, bis ich das wirklich vollends trennen kann, dauert das auch noch eine Weile. Aber ich schweife ab.
Die Folge meiner fehlenden Wut war jedenfalls, dass ich immer deutlich zu lange in missbräuchlichen Beziehungen jeglicher Art blieb. Es war ein bisschen so, als wäre mein innerer Motor kaputt. Scheiße angefühlt hat sich das natürlich, aber dafür, dass ich dann irgendwann mal eine Grenze gezogen habe, musste schon was ganz ganz Heftiges passieren. Und in vielen Fällen hab ich einfach ausgehalten, versucht, zu beschwichtigen und zu deeskalieren und darauf gewartet, dass die andere Person irgendwann geht.
Das mag seltsam klingen, aber die Erkenntnis, dass ich seit einigen Monaten doch häufiger mal wütend werde, wenn jemand Grenzen überschreitet und welche Konsequenzen das auch für mein Beziehungsmanagement hat, war für mich wie meine persönliche kleine Erleuchtung (DANKE an die wunderbaren Menschen, deren Gegenwart mir dabei half, das zu erkennen)!
Was mir auch klar wurde: Sie haben ja wirklich Recht, die „Du regst dich halt gern auf!“-Menschen. Ich rege mich gern auf. Aber eben nicht insofern, dass ich mich in irgendwas hineinsteigere oder dass ich nach Problemen suche, sondern, dass es mich motiviert, die anzusprechen, die eben da sind. Wütend und vehement und bis es nicht mehr nötig ist.

Was treibt euch, was treibt dich an?

Starte gut in die Woche!
Ash

 

 


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6 Kommentare zu „Rumpelstilzchen hat’s raus.

  1. Wut ist ein wichtiger Antrieb der uns leider Erziehungstechnisch oft ausgetrieben wird bzw nicht anerkannt ist, schon gar nicht als die treibende Kraft die sie nun mal ist. Wut ist Aggression, und diese ist einfach eine Nach-vorne-gehen-Energie, also erst mal wender negativ noch positiv. So viele Menschen müssen zu Ihrer Wut zurück finden, eben da verpönt. Ich sehe es als superwichtige, sehr gesunde Stufe wieder zu seiner Wut zu finden…die oft ja hinter den Schmerzen liegt und auch hinter Trauer. Das hat viel mit unseren Bedürfnissen zu tun. Und genau: Ich habe ein Recht auf meine Gefühle! Super Thema und Chakka reg Dich auf!

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  2. Das innere Monster, die Wütende … das ist auch für mich ein starker Antrieb. Allerdings muss ich nach Ausflügen der Wütenden häufig mit schlechtem Gewissen kämpfen. Das ist natürlich der Erziehung geschuldet und vielleicht dem Wunsch von anderen gemocht zu werden. Es könnte auch ein Stück Angst vor dem Gegenschlag enthalten sein … Freude und Lust am Spielen sind mir als Kraftquelle viel lieber. Aber psychische Gesundheit funktioniert nur, wenn wir die Wütende rauslassen und ihre Energie für sinnvolle Aktionen nutzen können.

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  3. Schön hast du das thema von allen seiten beleuchtet, selbst das wissen darum hält nicht davor ab aus selbstverlust die grenzüberschreitungen zuzulassen. Es ist ein drahtseilakt, bei dem es gild die menschen im umfeld die mensch nahe heran lässt gut zu kennen oder im notfall ein gutes selbstkonzept entwickelt zu haben.
    Der clip ist echt lustig, erst war ich fassungslos, konnte kein lachen dafür finden, aber in dem moment, in dem er mit seinem appel anfängt wars da.
    Dein schreibstil gefällt mir.
    Lovis

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  4. Mindfuck, du bist auf dem richtigen Weg. Wut ist sehr wichtiger Antrieb um Grenzüberschreitungen in die Schranken zu weisen. Ich bin mir sicher dass du in deiner Wut überwiegend respektvoll bleibst. Das ist das einzige wichtige was ich finde, was bei Wut heikel sein kann. Unterdrückung von negativen Emotionen führt zu Depression. Das lähmt. Und ich mag deine Texte, daher: Stay angry & keep on writing. Hochachtungsvoll, Evan Julian

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