Warum Nazis nicht dumm sind.

Klick hier, wenn du das in einfacherer Sprache lesen magst.

Oder:
Warum gegen Nazis sein auch Anti-Ableismus bedeutet

Heute möchte ich über ein Thema schreiben, das mir sehr wichtig ist, vor dem ich mich aber lange „gedrückt“ habe, weil ich weiß, dass die Abwehrreaktionen darauf meistens am stärksten sind. Das ist total in Ordnung, so ging es mir selbst auch – und das, obwohl ich betroffen bin.
Es geht um Ableismus (Behindertenfeindlichkeit).
„Hä? Was, ich hab nix gegen Behinderte!“, denkst du jetzt vielleicht. Und genau dann wäre es ABSOLUT GROßARTIG, wenn du diesen Eintrag bis zum Ende durchlesen würdest. ❤

Die meisten Menschen sind sich voll darüber im Klaren, dass es diskriminierend ist, „behindert“ als Abwertung zu verwenden.
Doch was ist mit den vielen anderen ableistischen Formulierungen, die in unserem Sprachgebrauch sonst noch so verbreitet sind?
Bist du blind?“, wenn gemeint ist: „Pass doch bitte besser auf!“.

Das ist doch krank“, wenn eigentlich „furchtbar“, „schrecklich“, „unfassbar“ gemeint ist – oder in Bezug auf Menschen: „Die_der verhält sich wie ein Arschloch.“

Du bist doch verrückt!“, das irgendetwas zwischen „Warum tust du das?“ und „Ich verstehe dich nicht.“ heißen soll.

Das und vieles andere sind Formulierungen, die beHinderte Menschen abwerten und unter den Bus werfen (aus dem englischen übernommene Redewendung, die aussagt, dass das Wohl von bestimmten Menschen(gruppen) außer Acht gelassen wird, um ein Ziel zu erreichen).

Sie implizieren (drücken aus), die Einschränkung wäre Ursache für das rücksichtslose oder unaufmerksame Verhalten der entsprechenden Person.
Sie lassen Menschen sich von Verhaltensweisen distanzieren, die manchmal nur unangemessen, oft aber gewaltvoll, grausam und diskriminierend sind.
Wenn all diese Dinge nur „kranke“ Menschen tun, heißt das im Umkehrschluss, dass ich als „gesunder“ Mensch mich nicht reflektieren muss. Ich kann mich von jeder ungewollten Verhaltensweise freisprechen – das Gleiche passiert, wenn Arschlöchern die Menschlichkeit abgesprochen wird. Die Bösen, das sind immer die anderen.

Die Sache ist nur: All diese Verhaltensweisen SIND zuallererst grundlegend menschlich. Wir verhalten uns alle mal in irgendeiner Form unangemessen, verletzend oder diskriminierend und um gewalttätig zu sein, müssen wir nicht mit einer Kalaschnikow durch die Gegend rennen und Leute abknallen. Das geht deutlich subtiler (versteckter).
Diese Verhaltensweisen zu erkennen, ist aber nur mit einem hohen Grad an Achtsamkeit und Reflexion möglich und solange wir damit beschäftigt sind, uns auf diverse Arten davon freizusprechen, gibt es für diese Reflexion keinen Raum.

Besonders schlimm finde ich Ableismus momentan im Hinblick auf Rassismus und Nationalismus. Es gibt kaum eine Diskussion, kaum einen Kommentar, in dem Nazis NICHT als „hirnrissig“, „idiotisch“, „bescheuert“, „dumm“, „blöd“, „doof“, „schwachsinnig“ oder „dämlich“ beschrieben werden.
Guess what: Auch Intelligenzminderung ist eine beHinderung. (Und „Mit Bildung gegen Nazis“ ist auch nicht besser, das ist dann halt klassistisch.)
Mal davon abgesehen, dass auch hier wieder impliziert wird, zwischen Intelligenz (und/oder Bildung) und Arschlochverhalten bestehe grundsätzlich ein Zusammenhang und das schon an sich ätzend und falsch ist, begibst du dich durch die Verwendung dieser Wörter selbst auf nazistisches Niveau. Ja, richtig gelesen.

Die waren mit ihrer Rassenhygiene nämlich in Bezug auf Ableismus und Klassismus ganz weit vorne mit dabei und von „Idiotie“ betroffene Menschen wurden ganz einfach „euthanasiert“.
Würdest du mich ernst nehmen, wenn ich Gewaltfreiheit predigen, dir aber eine knallen würde, sobald du mir widersprichst? Wohl kaum. Gegen etwas zu protestieren, sich aber gleichzeitig dessen Figuren zu bedienen, macht das Ganze zu einer Farce (btw: Gilt auch für weiße Menschen mit Dreadlocks, die sich als antirassistisch begreifen. Artikel dazu findest du zum Beispiel hier und hier).

Nebenbei bagatellisiert (verharmlost) es – schon wieder. Wenn nämlich fehlende Intelligenz die Ursache für Hass und Gewalt ist, kann man den jeweiligen Menschen kaum einen Vorwurf machen.
„Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“? Ich glaube nicht.
Die Ursache für brennende Flüchtlingsunterkünfte und tägliche Übergriffe auf Menschen, die nicht weißdeutsch aussehen, ist aber nicht Dummheit, sondern Rassismus. Und der muss benannt werden. Jedes Mal.

Anmerkung: Ich sage nicht, dass alle Nazis intelligent sind. Es ist sehr gut möglich, dass die_der Nazi, die_den du gerade kritisieren willst, wirklich dumm ist (was du ihm_ihr aber nicht ansiehst). Aber selbst, wenn du einen verdammten IQ-Test vor dir liegen hättest, der dir bestätigen würde, dass die Intelligenz dieses Menschen unter dem Durchschnitt liegt: Welchen Sinn hätte es denn dann, ihn für etwas abzuwerten, das er nicht beeinflussen kann, anstatt sein Verhalten zu kritisieren, das er sehr wohl steuern kann?

Vielleicht ist dein erster Impuls totale Abwehr. Fühl dich verstanden.
Vielleicht denkst du, es ginge gar nicht, so viele Formulierungen aus deinem Wortschatz zu streichen – das ging mir auch im ersten Moment so. Mir hat es sehr geholfen, mich immer zu fragen, was ich denn EIGENTLICH sagen möchte. Der gute Nebeneffekt daran, den eigenen Ableismus zu reflektieren ist nämlich, dass Sprache/Kommunikation klarer und konkreter wird. Letztendlich ist mit ableistischen Abwertungen (fast) immer etwas völlig anderes gemeint als gesagt wird.

Hier also ein paar mögliche Alternativen für gängige ableistische Formulierungen (hier übrigens auch ein großartiger Beitrag auf englisch dazu!)

Statt „schizophren“: verwirrend, wechselhaft, nicht nachvollziehbar, unausgeglichen.
Statt „abartig“: so was von, unfassbar, unglaublich, entsetzlich, absolut.
Statt „dumm“ u.Ä.: ignorant, rücksichtslos, widerwärtig, arschig, verständnislos.

Auch –phob/-phobie statt „-feindlich(keit)“ zu verwenden, ist übrigens ableistisch.
Für Menschen mit tatsächlichen Phobien ist es häufig echt uncool, wenn Feindseligkeit gegenüber einer Menschengruppe als Phobie bezeichnet wird.
Alternativen sind hier zum Beispiel „Homofeindlichkeit“, „Transfeindlichkeit“ und „antimuslimischer Rassismus“ statt „Homophobie“, „Transphobie“ und „Islamophobie“.

Insgesamt auf Menschen/Verhalten bezogen:

ignorant, rücksichtslos, widerwärtig, bösartig, arschig, verwirrend, nicht nachvollziehbar, unfassbar, merkwürdig, seltsam, festgefahren, stur, uneinsichtig, unsympathisch, unausstehlich, zuwider, abstoßend, scheiße.
(Ja, ich bin voll dafür, dass wir einfach alle häufiger „scheiße“ sagen!)

In Bezug auf Situationen:
ätzend, schrecklich, grausam, furchtbar, ekelhaft, beschissen, unangenehm, verwirrend, unfassbar, unglaublich, entsetzlich, grässlich, abscheulich, scheußlich, schauderhaft, der Horror, unerträglich.

An dieser Stelle noch ein fettes Danke an die Menschen, die regelmäßig dazu twittern und durch die ich überhaupt achtsam für dieses Thema wurde!
Ich weiß nicht, wie viele Bücher es gebraucht hätte, um innerhalb so kurzer Zeit so viel zu lernen wie durch (die Menschen auf) Twitter.
Falls du also dort bist, möchte ich dir an dieser Stelle nahelegen, @MikaMurstein, @Mali_2, @hrmpfm  und @carridwen zu folgen, wenn du Rassismus, Ableismus und Klassismus auf dem Schirm haben willst und @LottaPeng, wenn du dich zusätzlich auch in Bezug auf deinen Umgang mit Kindern hinterfragen willst. (Und eigentlich auch sonst allen, denen ich folge. So viele großartige Menschen! <3) Ach und wenn du Lust hast, folg mir natürlich auch gern. 😉


Wie du vielleicht weißt, kann ich aufgrund meiner beHinderungen keiner „normalen“ Erwerbstätigkeit nachgehen und mich hier und in sozialen Netzwerken aktivistisch zu betätigen, ist quasi mein Job. Falls dir gefällt, was ich mache, und du mich und den Vierbeiner mit einem kleinen Betrag unterstützen möchtest, kannst du das zum Beispiel  über meinen Amazon-Wunschzettel, über Gynny oder über Patreon:-) Danke dir sehr! ❤

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24 Kommentare zu „Warum Nazis nicht dumm sind.

  1. Mmh. Ich gebe dir zum Großteil recht. Jedoch: manche dieser Schimpfwörter, speziell „Idiot“, kann man auch in dem Sinn verstehen, dass die so Bezeichneten es nicht besser wissen *wollen* (statt es nicht zu können).

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  2. Einige der alternativbezeichnungen passen aber auch ins gleiche chema,..
    Ich denke idiot, schwachsinn.. sind ähnliche wörter, wie zb [N-Wort] und weib (hier kommt allerdings noch der artikel hinzu, der von anfang an die dinglichkeit suggeriert), sie waren vor hundert/hundertfünfzig jahren nicht in der art und weise negiert, wie heute. Es sind offiziellverurteilende worte und menschen, die sie benutzen bewegen sich eher an einem rand der gesellschaft, de wörter schw*chtel und schwul haben andere wege genommen. Aber ich denke, dass dumm sein auch oft eine unnachvollziehbare eigenne entscheidung ist, damit meine ich, dass die menschen, die mit vollgas auf katastrophen zufahren und jene, die aus faulheit bildung nach der schule verweigern, so viele menschen lesen nicht, schauen keine nachrichten, flüchten sich in fernsehserien und filme, anstatt selbst zu leben, diese menschen senken ihren iq bewusst herab, natürlich gibt es gesellschaftliche strukturen, die dazu führen, doch will ich doch jeden menschen auf seine individualität und seine selbstverantwortung im umgang mit seiner_ihrer umwelt verweisen. Vielleicht ist das wort etwas schwammig.
    Aber jetzt erklär mir doch bitte die unterschiedliche sichtweise auf das wort arschloch und arschig. Da steig ich nicht hinter. Und auch entsetzlich, kommt doch von aussetzig, oder? Und was die unterstellung psychischer krankheiten betrifft, finde ich es ein bischen schwierig, wenn ich sagen möchte, dass ich finde, dass ein verhalten das eine_r_m sardistischen psychopat_in_en im muster und in der motivation gleicht, es mir vorkommt, als sei ein solches vorhanden(eine art sadistisches muster,dass behandlungsbedürftig ist oder und eine gefahr für die handelnde person und oder die allgemeinheit ist), und ich das so formuliere, meine ich es auch so. Wenn menschen sich im hösten maße über andere stellen und kein mitsefühl emfinden und kein unrechtsbewusstsein spühren, definiert unsere gesellschaft als psychisch krank und psychisch gestört. Natyrlich sind diese bezeichnungen zu allgemein. Wenn ich im internet einen antifeministen treffe, sage ich nicht, du scheiß mann!, wenn ich mich aufrege. Da muss eindeutiger zwischen den krankheitstypen unterschieden werden. Viele menschen leiden unter dieser verallgemeinerung, da gebe ich dir recht, mit dem thema hatte ich mich so noch nicht auseinandergesetzt.
    Lovis

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    1. Hi,
      tut mir leid, dass ich jetzt erst antworte!
      Um #behindernisse rum bin ich zu nichts mehr gekommen. 🙂
      Erstmal: Ich hab das N-Wort und die abwertende Bezeichnung für Schwule zensiert.
      Die Wörter bitte nicht reproduzieren.

      Hm – ich würde nicht sagen, dass Menschen, die irgendwas tun, ihren IQ bewusst senken. Das glaub ich nicht.
      Wenn ich das so lese, wirkt das für mich sehr wertend und auch pathologisierend.
      Selbst, wenn Menschen sich dazu entscheiden, sich in Filme und Serien (oder Bücher!) zu „flüchten“: Was spricht denn dagegen? Genau dafür, um das Eintauchen in andere Welten, eine andere Realität zu ermöglichen, exisitieren diese Dinge doch, oder nicht? 🙂
      Ich schaue übrigens auch keine Nachrichten. Ich lese auch wenig und schaue mehr Serien.
      Für beides habe ich Gründe, bei beidem gehe ich davon aus, dass auch andere Menschen sie haben.
      Das Wort „Ignoranz“ bleibt bei einer bewussten Entscheidung außerdem ja auch noch.

      Was meinst du mit der unterschiedlichen Sichtweise auf „Arschloch“ und „arschig“?

      „Entsetzlich“ kommt nicht von „aussätzig“. Hier die Wortherkunft: http://www.dwds.de/cache/shortcuts/Entsetzen.html

      Ein „Das Verhalten der Person/Die Person scheint mir leicht [Diagnose]nähnliche Züge aufzuweisen.“ ist aus meiner Sicht übrigens was völlig anderes. Ohne jetzt auf Diagnosen selbst weiter eingehen zu wollen – wenn’s geht, versuche ich auch zu vermeiden, Verhaltensweisen zu pathologisieren: Bestimmte Konstrukte können unter Umständen aus meiner Sicht hilfreich sein, um Dinge einzuordnen.
      Das ist dann aber ein völlig anderer Beweggrund, der dahinter steht. In dem Fall geht es ja eben nicht darum, einen Menschen abzuwerten, sondern etwas einzuordnen.
      Und Formulierungen machen halt auch viel aus.
      Es ist ja auch was anderes, ob du sagst „Ich glaube, die Person hat da echte Verständnisprobleme.“ – wertfrei und mit Hinweis darauf, dass das deine Wahrnehmung ist – oder ob du (eben überhaupt nicht wertfrei) sagst: „Die Person ist dumm!“.
      Aus meiner Sicht, jedenfalls.

      Liebe Grüße
      Ash

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      1. Naja, du informierst dich,…ich habe es leider erlebt, dass menschen wissen könnten, aber nicht wollen…mit substanzen oder reaktionären serien, die ein verzerrtes bild zeichnen, rassistisches und allgemein minderheitenfeindliches gedankengut tranzpotieren ihre geistigen fähigkeiten mindern, obwohl sie wissen welche auswirkungen es hat..anderen wurde früh aberzogen wissbegierig und interessiert zu sein,ihnen wurde vermittelt, dass sich zu informieren anstrengende, unnötige arbeit ist und diese menschen haben den antrieb verlohren…das wollte ich jetzt nicht so ausführen..
        Kannst du vielleicht eine umschreibung für das n-wort einfügen, es ist nicht eindeutig,ich dachte bei n-wort zunähst an eine abfällige bezeichnung für eine weibliche prostituierte, als ich n-wort las, im übrigen bin ich gegen jede diskriminierung in unserer weißen, heterosexuellen, männlich dominierten sprache.
        Ich wollte nur die verschiedenen wege als beispiel nennen, die diese worte in ihrer bedeutung genommen haben, da die homosexuellen männer, die ich kenne alle die zensierte bezeichnung frei und ohne abfälligen unterton verwenden. Als legastenikerin kenne ich das gefühl übrigens sehr gut, wenn die bezeichnung für eine nicht zu wertende andersartigkeit zweckendfremdet und negiert wird, da es mit legastenie so ist, wie mit epilepsie, oder autismus, natürlich nicht mit diesen einschrenkenden und gesundheitlichen folgen, es betrifft immer menschen mit besonderen gaben, fähigkeiten. Was im öffentlichen bild verzerrt wird. Auch das hatte ich nicht so ausfürlich schreiben wollen. Das autoritäre, heraiche system, in dem wir leben hat leider auch auswirkungen auf unsere sprache. Ich hoffe, dass sich etwas ändert, und wir es schaffen in ein gleichgewicht zu kommen, aber immoment siehts eh so aus, als würde es bald knallen und sich dann kein mensch mehr um sprache schehren…
        Lovis

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  3. Also weib, [N-Wort], schwachsinnige_r, idiot_in sind in ihrer wertigkeit als begriffe nicht aufgestiegen, in dem maße, wie die bilder, der bezeichneten. Desshalb hat mensch sich von ihrer politischen correctnis verabschiedet.

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  4. Sehr interessanter Artikel — mal wieder 🙂
    Wieder was gelernt, nämlich dass ich mein ganzes Erwachsenenleben offenbar intuitiv „anti-ableistisch“ war, ohne diesen Begriff gekannt zu haben.
    Allein: Ganz so weit wie du würde ich nicht gehen. Das Bewusstsein für die Verwendung von Sprache zu schärfen, ist richtig und wichtig. Doch besteht stets die Gefahr, übers Ziel hinauszuschießen. Ungeachtet der Notwendigkeit von Aufklärung und Diskussion bin ich dagegen, große Teile der Sprache zu einem Minenfeld zu erklären.

    ———-
    Es gibt kaum eine Diskussion, kaum einen Kommentar, in dem Nazis NICHT als „hirnrissig“, „idiotisch“, „bescheuert“, „dumm“, „blöd“, „doof“, „schwachsinnig“ oder „dämlich“ beschrieben werden.
    Guess what: Auch Intelligenzminderung ist eine beHinderung. (Und „Mit Bildung gegen Nazis“ ist auch nicht besser, das ist dann halt klassistisch.)
    Mal davon abgesehen, dass auch hier wieder impliziert wird, zwischen Intelligenz (und/oder Bildung) und Arschlochverhalten bestehe grundsätzlich ein Zusammenhang und das schon an sich ätzend und falsch ist, begibst du dich durch die Verwendung dieser Wörter selbst auf nazistisches Niveau.
    ———-
    Ich benutze Adjektive wie die o.g. aus anderen Gründen so gut wie nie, nämlich weil ich sehr vorsichtig damit bin, über andere Menschen zu urteilen und weil mir Beleidigungen einfach völlig gegen den Strich gehen. Allenfalls bezeichne ich einzelne Handlungen als „bescheuert“, aber nicht den handelnden Menschen (mich selbst natürlich ausgenommen 😉 ).
    Jedoch sehe ich bei den oben zitierten Adjektiven (mit der auch nur historisch relevanten Ausnahme von „schwachsinnig“) keine Verbindung zu tatsächlichen Krankheiten oder Behinderungen. Denn ich würde nie auf die Idee kommen, jemand mit geistiger Behinderung welcher Art auch immer als „dämlich“ oder „idiotisch“ zu betrachten. Diese Begriffe implizieren in meinen Augen grundsätzlich einen Verständnisunwillen; sie sind mindestens seit sehr langer Zeit negativ konnotiert und wurden m.E. doch schon immer primär als Beleidigung verwendet — unabhängig davon, ob der/die Betreffende tatsächlich eine Behinderung aufweist. Man möge mich ggf. korrigieren.
    Anders läge die Sache vielleicht, würde jemand Neonazis pauschal als „mongoloid“ oder „geistig behindert“ bezeichnen, was sicher auch vorkommt.
    Daher bin ich auch einverstanden mit deinen Ausführungen zu anderen Begriffen, die tatsächlich aus der Pathologie stammen.

    Zu der Geschichte mit den Phobien: „Phobie“ bedeutet (mir ist klar dass du das weißt) nur so viel wie „Angst“ und „Ablehnung“. Das Gegenteil ist die Philie. Das ist einfach nur ein Wortteil wie tausende andere auch.
    Es gibt nun mal handfeste psychologische Leiden mit „-phobie“ im Namen und auch Ansichten oder Neigungen mit „-phobie“ im Namen.
    Warum es einen Mensch mit Agoraphobie oder Klaustrophobie beklemmt, wenn er irgendwo etwas über Homophobie et al. liest oder hört, kann ich ehrlich gesagt nicht ganz nachvollziehen. Nicht falsch verstehen… ich habe selbst die eine oder andere (zum Glück nur leichte) Phobie und kann mir auch vorstellen dass es Phobiker gibt, bei denen Worte mit „-phobie“ irgendetwas triggern und die sich möglicherweise sogar über ihre spezielle Phobie weitgehend identifizieren. Diese Menschen haben mein Mitgefühl, doch erscheint es mir nicht sinnvoll, deswegen pauschale sprachliche Tabus zu kreieren. Konsequenterweise müsste man dann doch auch den deutschen Begriff „Fremden-Angst“ (was der Hauptauslöser für Pegida & Co. sein dürfte) vermeiden wegen der vielen Menschen, die massiv unter „Platz-Angst“ leiden?
    Jede Sprache besteht eben aus unzähligen Wörtern und Wortteilen, die mehrere Bedeutungen oder Bedeutungsnuancen transportieren, von denen einzelne vielleicht für manche Menschen ganz besonders bedeutsam sind. Das lässt sich nicht vermeiden.
    Es gibt selbstverständlich Gründe, gewisse Wörter nicht in der Alltagssprache zu ([N-Wort] comes to mind) und praktisch zu tabuisieren. Aber die Hürde dafür sollte m.E. hoch angesetzt werden. In manchen Fällen muss man halt auch mal sagen können: „Deal with it.“

    Nichtsdestotrotz finde ich es reizvoll, mich mit solchen Themen zu beschäftigen. Deine Texte stellen da eine schöne Anregung dar, und (sachlicher) Diskurs ist schließlich immer gut 🙂

    tl;dr: Bewusstseinsbildung ist sehr wichtig und die Alltagssprache zu vieler Menschen ist völlig unreflektiert. Doch die künstliche Erschaffung von sprachlichen Tabus für wirklich alle Eventualitäten (sprich: für jede(n), der/die sich unwohl fühlt) geht mir persönlich einen Schritt zu weit.

    Ps.: Ich bin übrigens über Finya auf deinen schönen Blog gestoßen und habe dir vor einiger Zeit ebendort auch eine Nachricht geschickt. Du scheinst dort aber leider nicht mehr aktiv zu sein. Zu viele Ignoranten unterwegs?

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    1. Ich gehe jetzt nicht auf alles ein, nur kurz:

      Intention und Wirkung sind unterschiedliche Dinge. Ob du an eine beHinderte Person denkst oder nicht, wenn du ein ableistisches Wort verwendest, spielt keine Rolle.
      Gilt auch für „-phobie“. Das wird btw auch in ganz ganz vielen Fällen falsch verstanden.
      Kannst ja mal in deinem Bekanntenkreis rumfragen, was Menschen so unter dem Wort „Homophobie“ verstehen.
      Ein Großteil der Menschen geht davon aus, dass es ANGST vor homosexuellen Menschen beschreiben soll.
      Und ja, Rassismus als „Fremdenangst“ zu verharmlosen, ist absolut problematisch.

      Das N-Wort bitte nicht reproduzieren.

      „Deal with it“ ist aus meiner Sicht gegenüber Betroffenen niemals angebracht.

      Zur Idiotie:
      http://www.logos-verlag.de/cgi-bin/buch?isbn=1284

      Oder auch: https://www.google.de/search?q=euthanasie+idiotie&ie=utf-8&oe=utf-8&gws_rd=cr&ei=I7vWVrf7JajM6ATz3IOQCA

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      1. Danke für den Input.
        Ich habe aber Rassismus nicht mit Fremdenangst gleichgesetzt. Ich sehe nur die Hauptursache von Fremdenhass und Rassismus in der irrationalen Angst vor Unbekanntem. Menschen entwickeln schnell Hass gegen das, was ihnen Angst macht; erst recht, wenn geistige Brandstifter kräftig nachhelfen. Nicht umsonst ist doch der Fremdenhass in D heutzutage am meisten dort verbreitet, wo der Ausländer- und Muslimenanteil in der Bevölkerung am geringsten ist und somit einfach kaum je eine Berührung stattgefunden hat? In Städten mit relativ hohem Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund wie z.B. Berlin oder München ist Pegida ja kein Thema.
        Das war das, was ich damit sagen wollte.

        Bzgl. „Deal with it“ stimme ich dir zu. Ich hab nach dem Abschicken des Kommentars noch eine Zeit lang drüber nachgedacht und würde das heute auch nicht mehr so sagen.

        Zum Begriff „Idiotie“: Ja, der Begriff wurde von den Nazis für Menschen mit geistiger BeHinderung verwendet. Natürlich sehr zu Unrecht, weil der Begriff schon zuvor eine abwertende und verurteilende Bedeutung hatte.
        Dein Hinweis zu Intention vs. Wirkung ist aber natürlich richtig.
        Da muss ich nochmal in mich gehen.

        Dank dir bin ich, was dieses Thema betrifft, gerade in einem Lern- und Sensibilisierungsprozess und muss erstmal einiges für mich selbst hinterfragen. Meine Einwände sind nicht als Angriff gemeint 🙂

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  5. Cool. Freue mich immer über alternative Formulierungen. Aufgrund dessen, dass ich selbst keine Behinderung habe und Fokus gerade eher auf anderen Dingen liegt, (die genauso scheiße sind wie Ableismus), bin ich in puncto Anti-Ableismus (noch) nicht sehr bewandert. Will aber unbedingt weiter über’n Tellerrand gucken. Blog-Postings helfen mir dabei. 🙂

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    1. Gut, dass du schreibst – ich hab hier seit Wochen (also seit #behindernisse eigentlich :D) keine Kommentare beantwortet und hole das gleich mal nach.
      Also danke für die indirekte Erinnerung. 😀

      Ich kenne die Studie und für mich ist das kein Widerspruch.
      Ich hab in meinem Artikel auch geschrieben, dass es sehr gut sein kann, dass die_der Nazi, um den_die es geht, tatsächlich dumm ist.
      Nur erstens kann ich das, auch, wenn es da Tendenzen geben mag, nicht sicher sagen – schließlich gibt’s ja auch ausreichend Akademiker_innen in dem Bereich, Björn Höcke zum Beispiel, und zweitens ändert es dann immer noch nichts daran, dass es ableistisch und völlig daneben ist, die Person für ihre vermeintliche Dummheit anzugreifen anstatt ihr rassistisches (oder sonst irgendwie -istisches/anderweitig arschlochmäßiges) Verhalten zu benennen und kritisieren.
      Und die anderen Dinge bleiben ja auch.
      Also das „Ich bin intelligent, also bin ich eine_r von den Guten“ und was da sonst noch so impliziert wird. 🙂

      Um das mal auf eine andere Ebene zu ziehen, die offensichtlicher ist: Oft wird ja auch mit Lookism/Fatshaming abgewertet.
      Wenn ein_e Nazi sehr dick ist oder wirklich weit von Schönheitsnormen entfernt, kann man die Person zwar mit „fett“ oder „hässlich“abwerten, dann ist man aber selbst ein Arschloch und außerdem passiert eben das Gleiche wie bei Dummheit/Intelligenz.
      Es werden irgendwelche künstlichen Werte herangezogen, nach denen Menschen dann bewertet werden (auch IQ und Intelligenz sind ja konstruiert). Das ekelhafte Verhalten/die widerwärtige Einstellung bleibt dabei unbenannt und unkritisiert und stattdessen werden lieber Menschen, die von irgendeiner Norm abweichen, unter den Bus geworfen.

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  6. die bemerkung zu homopho, islamophob seh ich anders (wohl auch weil ich naturwissenschaftlich geprägt bin) denn das sah ich immer als analoge wortbildung wie bei aerophob oder hydrophob

    Der Begriff hydrophob stammt aus dem Altgriechischen (ὕδωρ hýdor „Wasser“ sowie φόβος phóbos „Furcht“) und bedeutet wörtlich „wassermeidend“

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    1. Ungeachtet der Etymologie wird „-phobie“/“-phob“ im allgemeinen Sprachgebrauch aber eben für Angsterkrankungen verwendet.
      Der eigentliche Beweggrund und das tatsächliche Ausmaß von Diskriminierung und Hass werden dadurch verschleiert.
      (Und btw ist, wie du schriebst, auch im Ursprung ja klar, dass von einer Furcht gesprochen wird.)
      Total viele Leute denken, wenn sie „homophob“ (als Beispiel) hören, das wären Menschen, die Angst vor Homosexuellen haben und das macht es problematisch.
      Dazu kommt die fehlende Barrierefreiheit des Wortes (einfache Sprache).
      Genausowenig wie Rassist_innen „besorgt“ sind, sind Homo-/Trans-/Islamhasser_innen „meidend“ oder „fürchtend“.
      Sie sind von Hass getrieben und der sollte m.E. auch benannt werden.

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  7. Danke für deinen Artikel,
    ich wollt dir gleich was auf Amazon kaufen,
    aber die ersten 3 Artikel lassen sich nicht an dich versenden.
    Danach auf Patreon probiert – aber die haben ein Wartungsfenster…

    :/

    Jedenfalls find ich deinen Artikel cool und ich würd gern mehr von dir lesen

    Danke

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    1. ❤ Danke für dein Danke und den Versuch. Ist ja Mist!
      Falls du (immer noch) magst, geht auch Amazon-Gutschein mit oder ohne "Für Artikel XY"-Anmerkung an ash.bepunkt@gmail.com, dann kann ich's mir selbst kaufen (aber fühl dich nicht verpflichtet)! 🙂

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