Wenn’s halt einfach doch nicht geht.

Ein kleiner Rant. (Oder so was in der Art.)
CN: (Internalisierter) Ableismus

Obwohl ich hier sehr offen schreibe und auch sonst offen mit meinen beHinderungen umgehe, gibt es etwas, das mir wirklich schwerfällt – und das ist, darüber zu schreiben, was internalisierter Ableismus mit mir macht.
Da genau das –die Schwierigkeit, darüber zu schreiben -aber Ausdruck davon ist, versuche ich es heute trotzdem.
Gestern war einer der Tage, an denen bei mir „gar nichts“ ging. „Gar nichts“ heißt: Ich bin noch benebelter und kaputter und erschöpfter als sonst. Ich wache auf, fühle mich, als wäre ich über Nacht einen Marathon gelaufen und es wird den ganzen Tag nicht besser. Ich bin zitterig, wackelig auf den Beinen und benebelt im Kopf. Es helfen kein Koffein, kein Schlaf, keine Kreislauftropfen. Und selbst die wenigen Dinge, die ich sonst mit Energieaufwand schaffe und die für nicht-beHinderte Menschen selbstverständlich sind, werden für mich zu einer unüberwindbaren Hürde.
In meinem Fall heißt das:
Essen kochen ist nicht möglich.
Mit dem Hund raus gehen ist nicht möglich.
Kurz staubsaugen ist nicht möglich.
Duschen ist nicht möglich.
Den Müll rausbringen ist nicht möglich.

Das ist an sich schon nicht schön, weil es mir dann körperlich dementsprechend schlecht geht. Was es aber viel schlimmer macht, sind die Gedanken und Gefühle, die solche Situationen auslösen. Die Zukunftsängste, die mitschwingen – denn machen wir uns nichts vor: Ich habe generell schon die Hoffnung, noch irgendwas zu finden, das ich (erwerbsarbeitstechnisch gesehen) tun kann, aber solche Tage, solche Zustände, lassen mich mit einem Gefühl tiefer Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit zurück.
Das schlechte Gewissen gegenüber allem und jedem und das Gefühl, auf ganzer Linie zu versagen. Der Gedanke, meine Existenz wäre vollkommen überflüssig.
Das alles ist ein Teil von mir, den ich eigentlich nicht zeige. Nicht Freunden. Nicht Familie. Nicht Partner_innen.
Den will nämlich keine_r™ sehen. Was gut ankommt, sind die starken, die kämpfenden, Menschen mit beHinderung. Die Vorbilder, die nicht-beHinderte Menschen inspirieren, weil sie ihnen zeigen: „Wenn ICH das kann, kannst du das auch.“ Die, die das schon trotzdem alles gut alleine hinbekommen, die immer klarkommen, aufgrund ihrer „eigenen ganz besonderen Fähigkeiten“. Die, die ja eigentlich irgendwie doch gar nicht so beHindert sind. Und am Ende kommt zu dem ganzen Scheiß noch diese Belastung mit dazu. Ein „guter beHinderter Mensch“™ bist du, wenn du diese Vorgaben des ableistischen Systems erfüllst. Wenn du trotzdem irgendwie funktionsfähig bist, dich weitestgehend zurücknimmst und den nicht-beHinderten Menschen um dich herum wenig Umstände bereitest. Das ist dann Stärke und vor allem auch angenehmer. Denn dann ist auch die Vorstellung, vielleicht selbst mal von beHinderung betroffen zu sein, nicht so furchtbar.

Ich habe tatsächlich mal überlegt, so was wie ein Videotagebuch zu machen, um zu zeigen, wie sehr das, mein eigener Zustand, von Tag zu Tag wechselt. Um unsichtbare beHinderungen zumindest irgendwie sichtbar zu machen, um Menschen dafür zu sensibilisieren.
Wisst ihr, warum ich es nicht mache? Aus Angst. Weil ich weiß, dass das der Bereich ist, in dem Leute gerne mal ihre ekelhaftesten Seiten zeigen, die vernichtendsten Aussagen tätigen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und, wo, wann immer mal wer sagt, dass das alles halt NICHT immer so schön und super erträglich ist, sofort nicht-beHinderte mehrfachprivilegierte Menschen parat stehen und irgendwas von „Mitleidstour“ faseln und davon, dass wir uns doch mal zusammenreißen sollen. Ihr seid ganz schön kacke. Und ich mach das also (erst einmal) nicht.
Was ich aber wenigstens tun kann, ist, mich weiterhin gegen derartiges Gedankengut zu stellen und auf Ableismus aufmerksam zu machen, wann auch immer es geht. Und es wäre unfassbar gut, wenn ihr das auch tun könntet. Gerade, wenn ihr nicht betroffen seid. Bitte überlasst das nicht den Menschen, die schon ihre komplette Energie dafür aufwenden müssen, irgendwie halbwegs unbeschadet durch den Tag zu kommen. (Und das gilt selbstverständlich für alle Diskriminierungsformen).

 

Noch ein paar Anmerkungen zum Schluss:
Ich schreibe hier immer von mir als „beHinderter Mensch“ – warum „beHindert“ statt „behindert“, steht hier (ganz oben).
Nachdem das gestern auch auf Twitter Thema war:
Ich selbst mag „beHinderter Mensch“ lieber als „Mensch mit beHinderung“. Letzteres impliziert für mich eher „Die beHinderung ist halt mein Ding, muss ich mich drum kümmern“, wohingegen ich ein „Ich bin/werde beHindert!“ als deutlich stärkere Gesellschaftskritik, als Appell, etwas zu ändern, als weniger „Ich nehme das so hin!“/“Ich muss mich selbst darum kümmern.“ empfinde.
Nachtrag: Was ich nicht wusste, ist, dass das (also, ob sogenannte „person first-language“ oder „identity first-language“ verwendet werden sollte) vor allem in den USA schon länger diskutiert wird – hier beispielsweise ein Artikel dazu.

Außerdem noch ein paar Links zu Blog-Einträgen, die ich diese Woche sehr wichtig fand:

Diskriminierender Mist bei „Barbara.“.

Der Blog von @gleamingauction mit Beiträgen über nicht-binäres Trans-Sein und Reaktionen des Umfelds.

 

 

 

 


Wie du vielleicht weißt, kann ich aufgrund meiner beHinderungen keiner „normalen“ Erwerbstätigkeit nachgehen und mich hier und in sozialen Netzwerken aktivistisch zu betätigen, ist quasi mein Job. Falls dir gefällt, was ich mache, und du mich und den Vierbeiner mit einem kleinen Betrag unterstützen möchtest, kannst du das zum Beispiel  über meinen Amazon-Wunschzettel, über Gynny oder über Patreon:-) Danke dir sehr! ❤

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7 Kommentare zu „Wenn’s halt einfach doch nicht geht.

  1. Ich kann’s sehr gut nachfühlen, was Du schreibst – also innerhalb meiner eigenen Erlebnisgrenzen und von dem Standpunkt aus, dass ich denke, mich gut einfühlen zu können! Und ich finde es grade in unseren Zeiten wichtig, über die Dinge zu sprechen. Zu lange war zu vieles unter irgendwelchen Schichten verborgen…für mich übrigens immer noch eine Folge des Nationalsozialismus über den ja unsere Großeltern sozialisiert wurden. Und Erziehung vererbt sich nun mal. Die harte körperlich fitte und wenig gefühlvolle Person, das funktionierende Ich als Maßstab.
    Wir tragen die Wunden aus, kommen teilweise schon damit auf die Welt, und gleichzeitig ist die Gesellschaft durch Entwicklung und Fortschritt noch vielseitiger und belastender geworden, hinzu kommen z.B. auch mehr Umweltgifte etc….und die die noch funktionieren haben meistens wenig bis null Verständniss für die nicht funktionierenden Dinge/Menschen.
    Es gibt einen Spruch aus der Bibel, „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. (sagt Jesus)
    (2. Kor. 12,9). Eine natürliche Welt, trennt nicht in diesem Maße und funktioniert nicht in diesem maße und schon gar nicht in der Zeitmesseung und dem Funktionieren wie es unsere technologische Welt tut…. ok ich hör auf… noch kurz.: ich übe jeden Tag sanft zu sein mit mir und trotzdem gerate ich auch immer wieder in diese Spur..und ja sie macht Angst und sie macht Stress…und es ist wichtig, vorallem sich selbst zu lieben wie man ist, ganz entgegen jeglicher Konditionierung. Guter Text Ash, Thanx
    Ps.: „Zeige deine Wunde“ Beuys

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  2. Toll geschrieben! Ich bin bei Thema voll und ganz bei dir und kann das total nachempfinden. Ich könnte jetzt Sprüche bringen wie „Lass dich nicht unterkriegen“ und „Scheiß auf diese Arschlöcher, die nur unqualifizierten Bullshit von sich geben“. Aber das lasse ich, weil es einfach keinen Sinn hat. Nicht, weil sie nicht aufbauen oder helfen. Sondern weil sie einfach nichts an der Situation ändern. Und meiner Meinung nach wird sich an der Situation für beHinderte Menschen auch allzu bald nichts ändern. Da kann man noch so sehr versuchen, Verständnis und Aufklärung zu betreiben. Solange Menschen nicht selbst betroffen sind (egal von welcher Art der beHinderung), können sie das einfach nicht nachempfinden. Und die Mehrzahl der Menschen ist meiner Meinung nach in ihrem Gefühlsleben und in ihrer Empathie so beschränkt, dass sie das nie hinbekommen werde. Deshalb finde ich, dass man auf die Menschen bauen sollte, die sich im eigenen Umfeld befinden und einem eine Stütze sind. Du bist ein toller Mensch. Egal, was andere vielleicht für Mist labern mögen.

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  3. Ich kenne das in der Art von der Zeit nach meiner ersten Geburt, als ich ziemlich schlimme (aber unerkannte) Depressionen hatte. Genau dieses „Man muss sich eben nur zusammenreißen“ fand ich fast am furchtbarsten. Weil es mir zeigen sollte „Du bist einfach nur undiszipliniert“. Insofern kann ich es dir ein bisschen nachfühlen. Aber leider kann ich so viel mehr auch nicht dazu schreiben, weil mich genau in dieser Situation irgendein Satz wie „viel Kraft für dich“ mega genervt hat. Das war so … naja sinnlos … damit man was Aufmunterndes gesagt hat und es danach von der Seele hat. Nur so viel: hast Du denn einen guten Arzt, der sich damit auskennt? Ich finde, das ist echt Gold wert. Und, jetzt doch noch was Aufbauendes: Mir half es damals sehr, zu sehen, was ich TROTZ der Krankheit und Erschöpfung hinbekommen habe. Normalerweise war das nämlich doch ganz schön viel. Kleinigkeiten (3 Shirts gefaltet) zählen auch!

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  4. Danke, dass du uns (mich) an deinem Leben so teilhaben lässt. Dadurch lerne ich etwas darüber, wie es einem auch gehen kann, und dass ich nicht alle Menschen so beurteilen darf, als wären sie in ihrem inneren wie ich. Ich denke, allein das Nachdenken baut schon Vorurteile ab, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie hatte.

    Zu dem Verweis auf den Blog zu „Barbara“:
    Ich finde einige Aussagen dort recht problematisch (NICHT die über Ableismus) und habe dort dazu einen Kommentar hinterlassen: https://schwarzerabriss.wordpress.com/2016/01/30/diskriminierend-gegen-nazis/#comment-17
    Den möchte ich dir nicht vorenthalten.

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  5. Danke für den berührenden und erhellenden Artikel! Hat mich motiviert, hier auch mal das „Über mich“ zu lesen: schon krass, was es für seltsame und schwer belastende Leiden gibt!
    Ich hoffe, du hast ein wenig Hilfe im „realen Leben“ – für dich selbst und auch für den Hund, wenn du nicht mit ihm raus gehen kannst!
    Werde in Zukunft öfter hier rein schauen und wünsche dir alles Gute und Liebe!

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