Lernprozesse

Eineinhalb Monate liegt #behindernisse jetzt zurück – und ich habe dadurch ganz schön viel gelernt:

Ein bisschen was über Medien. Einige haben berichtet, ohne uns zu nennen. Andere haben uns genannt. Manche haben Menschen dazu interviewt, die mit der Entstehung des Hashtags nichts zu tun haben. Und manche haben tatsächlich mit uns gesprochen.
Eine Übersicht über die Medienberichte findet ihr hier. (Fettes Danke an Konrad und Dennis von rbb Radio Fritz, Thorsten von hr-info und Lena von Edition F. <3)

Achja: Dass es kaum zumutbare Schwerstarbeit sein muss, ein Twitterprofil zu lesen und Pronomina zu berücksichtigen, hab ich auch gelernt.
Danke an die, die mich nicht misgendert haben!

Vor allem – und darum soll’s hier eigentlich gehen – hatte ich aber ganz viele Möglichkeiten, meine eigenen Privilegien zu checken und meinen eigenen Ableismus zu reflektieren.
Dafür auch schon einmal ein riesengroßes Herz an alle Menschen in meiner Timeline – die neu dazu gekommenen und die, die vorher schon da waren – und danke an alle, die unter dem Hashtag geschrieben haben!
Allein durch das Sortieren der #behindernisse-Tweets für die Website wurde mir so viel klar, was ich so gar nicht auf dem Schirm hatte – zum Beispiel, was bei der Deutschen Bahn unabhängig von verspäteten Zügen noch so alles schiefläuft.
Nachlesen könnt ihr das hier unter „Fortbewegung und Barrieren“.
Überhaupt möchte ich gern allen, die es noch nicht getan haben, nahelegen, die Tweets zu lesen. Da steht so so viel Wichtiges drin!

Vieles an Erkenntnis geschah eher nebenbei, wie das auf Twitter eben so ist (Ich hab schon erwähnt, dass du dich unbedingt auf Twitter anmelden solltest, falls du noch keinen Account hast, oder? ).

Als ich sah und hörte, wie Menschen über sich selbst sprechen oder schreiben, fiel mir erst auf, wie viele Formulierungen ich nie reflektiert hatte.
Dass Menschen nicht im Rollstuhl „sitzen“, sondern „Rollstuhl fahren“, zum Beispiel – und dass taube Menschen eben genau das, also taub, aber mit Sicherheit nicht „taubstumm“ sind.
Letztere Formulierung habe ich zwar nie selbst verwendet, aber unzählige Male gehört und obwohl beim nur kurzen Nachdenken darüber klar sein müsste, dass die Aussage darin falsch ist, ist beides im allgemeinen Sprachgebrauch SO verbreitet.
Erst, als ein blinder Mensch in meinem Beisein die Formulierung „mit den Augen lesen“ verwendete, wurde mir bewusst, dass ich beim Wort „Lesen“ IMMER nur an meine eigene Art zu lesen und niemals an Braille denke.

Einer der Punkte, an denen ich mich am stärksten mit meinen Privilegien konfrontiert sah, war der, an dem ich anfing, mich mit Gebärdensprache auseinanderzusetzen.
Vorgenommen hatte ich mir das schon vor 1 ½ Jahren, nur eben eher so als Plan für die ferne Zukunft. Dann kam #behindernisse und damit die Erkenntnis, dass ich selbst meinen Hintern nicht hochkriege und damit im Zweifelsfall ein personifiziertes BeHindernis bin.

Ich hatte keine Ahnung, wie viele (laut Wikipedia 137!)  Gebärdensprachen es gibt, weil ich nie darüber nachgedacht hatte. Ich wusste auch nicht, dass es Dialekte gibt (allein 5 Stück in der deutschsprachigen Schweiz) oder dass die Deutsche sich von der Schweizer Gebärdensprache unterscheidet.
Auch das ist etwas, was eigentlich recht logisch sein könnte – schließlich haben wir über Lautsprache kommunizierenden Menschen auch nicht nur eine internationale Sprache, die sich überall gleich entwickelt hat. War es aber nicht.

Es macht mich inzwischen noch viel wütender, wenn zum Beispiel in „Fack Ju Göhte 2“ der Autist zum Körperkontakt gezwungen wird (er wird ins Meer geworfen und die Leiter wird eingezogen, damit er sich anfassen lassen muss. Danach umarmen ihn alle gemeinsam!) und danach plötzlich „geheilt“ (!) sein soll, weil ich jetzt auf dem Schirm habe, welcher Folter viele Autist_innen ausgesetzt werden und dass Aktion Mensch das auch noch unterstützt.
(Mehr Infos gibt’s hier oder auch hier   – da kannst du auch mitmachen.)

Seit #beHindernisse achte ich viel stärker darauf, für wie viele (bzw. wenige) Videos eigentlich Untertitel verfügbar sind, ob es Dinge, die angehört werden können, auch schriftlich gibt und ob Bilder und Videos beschrieben sind.

Meine eigenen Fotos und Videos poste ich inzwischen konsequent mit Bildbeschreibung (auf Twitter mit seiner Zeichenbegrenzung eignet sich dafür Twitpicdescription ), ertappte mich aber mehrfach bei Gedanken wie: „Soll ich das wirklich machen? Vielleicht interessiert das die blinden Menschen, die mir folgen, ja gar nicht.“
Das sind alles Momente, in denen ich mir beim Erkennen meiner eigenen Ignoranz nur vor den Kopf schlagen kann.
Einerseits ist mir so etwas in jeder dieser Situationen furchtbar unangenehm, andererseits weiß ich, dass es ziemlich normal ist, weil es eben das ist, was Privilegien mit Menschen, mit mir in dem Fall, machen. Es gibt einiges, das ich heute niemals mehr so denken und/oder schreiben würde wie ich es vor nur einem dreiviertel Jahr getan habe, als ich den Blog startete – manche Dinge finde ich schon fast peinlich.
Gleichzeitig zeigen mir diese Gedankengänge aber auch meine eigene Entwicklung  – und das löst bei mir neben dem unangenehmen Gefühl eine viel stärkere tiefe Dankbarkeit gegenüber all denen aus, die mich darin vorangebracht haben.
❤ Danke, dass es euch gibt!

 

Wenn du Lust hast, schreib mir total gern in die Kommentare, was sich bei dir durch #behindernisse (oder völlig andere Aktionen/Situationen) verändert hat!

 


Wie du vielleicht weißt, kann ich aufgrund meiner beHinderungen keiner „normalen“ Erwerbstätigkeit nachgehen und mich hier und in sozialen Netzwerken aktivistisch zu betätigen, ist quasi mein Job. Falls dir gefällt, was ich mache, und du mich und den Vierbeiner mit einem kleinen Betrag unterstützen möchtest, kannst du das zum Beispiel  über meinen Amazon-Wunschzettel, über Gynny oder über Patreon:-) Danke dir sehr! ❤

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7 Kommentare zu „Lernprozesse

  1. „… Es gibt einiges, das ich heute niemals mehr so denken und/oder schreiben würde wie ich es vor nur einem dreiviertel Jahr getan habe …“

    So geht es mir auch ständig, nicht nur in Bezug auf beHindernisse. Kein Mensch ist perfekt, und alle (zumindest die meisten) lernen und entwickeln sich ständig weiter.
    Deshalb ist es auf der anderen Seite auch wichtig, nicht jede unangebrachte Äußerung sofort als Anlass zur Verdammnis her zu nehmen, sondern zunächst freundlich bis neutral auf den Fauxpas hinzuweisen. Es geht ja hier nicht um Rede- und Denkverbote, sondern darum dass unbewusst diskriminierende Gewohnheiten reflektiert und dadurch aufgebrochen werden. Das ist ein Prozess, der Zeit und manchmal auch Geduld erfordert. Entscheidend finde ich dabei immer den Willen und die Bereitschaft zur Reflektion.
    Um zu dem einleitenden Zitat zurück zu kommen: Wer das nicht von sich selbst sagen kann, hat irgend etwas falsch gemacht.

    Gefällt 3 Personen

  2. Über diesen Post musste ich nun eine ganze Weile nachdenken. Nein, eigentlich nicht über den Post an sich – sondern darüber, wie ich in Worte fassen soll, was sich bei mir durch #beHindernisse alles verändert hat, ohne das Kommentarfeld zu sprengen. :’D

    In erster Linie hat sich #beHindernisse auf mein Selbstbild als Autorin wie auch auf meine Beschränkungen als solche und als Mensch ausgewirkt. In all meinen Geschichten, ob veröffentlicht oder nicht, spielt Diversität eine große Rolle. In diesen Geschichten leben behinderte Charaktere, LGBTQ*/LBGTIA-Charaktere, Charaktere, die in irgendeiner Art und Weise einer Minderheit angehören. Allerdings habe ich mir als Autorin lange Zeit nie große Gedanken über Begrifflichkeiten gemacht – aus dem schlichten Grund, dass sie mir selbst nicht wichtig sind.

    Ein Beispiel: Es gibt in meiner Kernfamilie keinen einzigen Menschen, der noch nie in psychiatrischer Behandlung war. Mehr als die Hälfte der Mitglieder meiner Kernfamilie befanden sich bereits für längere Zeit in einer psychiatrischen Einrichtung, mich eingeschlossen. Dennoch empfindet keiner von uns Aussagen wie »Wow, ist ja irre!«, »Das mache ich wahnsinnig gern!« etc. als ableistisch oder diskriminierend. Hier findet für mich persönlich eher eine Bedeutungsverschiebung statt. Ein ehemals negativ besetzter, inzwischen aber veralteter und in Bezug auf tatsächliche psychische Erkrankungen absolut unangemessener Begriff erfährt in beiden Fällen eine neue Bedeutung, die in der Regel eine positive ist. Und selbst wenn sie negativ gebraucht wird (»Bist du irre?!«), bezieht sich eine solche Äußerung in der Regel nicht auf reale psychische Erkrankungen.

    Ähnlich empfinde ich bei Begriffen wie »verrückt«, schräg«, »dumm«, »Idiot« etc. – all das sollte heute nicht mehr als Bezeichnung für psychisch kranke oder wenig intelligente Menschen herhalten müssen. Die Neubesetzung dieser Begriffe ist okay für mich, weil ich nie, nie, niemals einen tatsächlich kranken/wenig intelligenten Menschen so bezeichnen würde. Wenn ich von einem Angehörigen erzähle, sage ich doch nicht: »Mein Angehöriger XY ist verrückt«, sondern »Mein Angehöriger XY hat die Erkrankung ETCPP«. Und daher: Für mich persönlich sind solche Begriffe völlig in Ordnung, wenn sie nicht missbraucht werden, und ein Missbrauch wäre für mich eben, tatsächlich Erkrankte so zu bezeichnen.

    Aber natürlich geht es noch weiter: ICH sehe das so, aber durch #beHindernisse habe ich erstmals in vollem Umfang begriffen, wie viele Menschen sich von solchen Bezeichnungen eben doch herabgesetzt fühlen. Und nun ist da mein Autoren-Ich, das drei veröffentlichte Bücher hat, die FÜR Diversität stehen sollen und GEGEN Ausgrenzung, die Vielfalt als Realität darstellen wollen – und die solche Begriffe beinhalten, weil ich so weit zu dieser Zeit noch gar nicht gedacht habe.

    Was mich etwas beruhigt, ist, dass alle drei Bücher bereits von mehreren psychisch und/oder körperlich behinderten Menschen gelesen wurden und von diesen bislang durchweg positives Feedback bekamen. Mir wurde gesagt, dass ich sämtliche in den Büchern vorkommenden Erkrankungen und/oder Behinderungen realistisch und respektvoll dargestellt habe, und das ist schon mal sehr viel wert. Ich hoffe, dass das etwas ist, das grundsätzlich durchklingt – der Respekt, den ich besonders vor Menschen habe, die es eben nicht pipileicht im Leben haben. Und dass ich eine Erkrankung und/oder Behinderung eben NICHT als Grund ansehe, jemanden in die Opfer-Ecke zu drängen oder innerhalb einer Geschichte ausschließlich über diese Erkrankung und die Probleme damit zu schreiben.

    In »Codewort: Puls« gibt es beispielsweise Marc, Douglas’ jüngeren Bruder, der die bipolare Störung hat. Auf die Erkrankung in all ihren Facetten gehe ich in dem Buch überhaupt nicht ein; die Hauptfigur ist Douglas, früher »das gesunde Kind«, der sich nicht nur auf Marcs hin und wieder vorkommende Aussetzer konzentriert, sondern auch auf Marcs persönliche Haltung. Und darauf, dass die Großmutter der beiden Marc allein aufgrund seiner Erkrankung seit ihrer beider Kindheit permanent in Schutz nimmt, obwohl er durchaus in der Lage ist, selbstständig zu denken und Verantwortung für sich zu tragen. Es ist kein Buch über die bipolare Störung. Es ist ein Buch, in dem ein Nebencharakter die bipolare Störung hat, die ihn aber nicht auf- oder abwerten soll. Douglas ärgert sich oft über seinen Bruder, allumfassend. Natürlich schließt das die Erkrankung mit ein, zum Beispiel, wenn Marc sich in einer manischen Phase mal eben ein Motorrad bestellt, dann im subtil dystopischen Rahmen der Geschichte ruhiggestellt wird und zugedröhnt Lieder aus der Kindheit schmettert. Aber »Codewort: Puls« soll kein Problembuch sein, sondern einfach ein Science-Fantasy-Roman mit Gay-Romance-Note, in dem eben zufällig auch ein psychisch kranker Charakter vorkommt, ohne eine Hauptrolle einzunehmen. Ich wünschte, so etwas gäbe es öfter. Aber es scheint eine Art ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass ein Autor, wenn er kranke und/oder behinderte Charaktere in seine Geschichte aufnimmt, deren Krankheit und/oder Behinderung zu Tode thematisieren muss. Als wäre Krankheit und/oder Behinderung eine Charaktereigenschaft. Doch so denke ich nicht.

    Wie auch immer (Hilfe, SO viel Gelaber, aber ich fürchte, ohne die Infos ist das Ganze nicht gut verständlich): Douglas nennt seinen Bruder zuweilen beispielsweise »Idiot«, und das nicht aufgrund seiner psychischen Erkrankung oder weil er ihn für nicht intelligent halten würde. Wenn jemand aber solche Begrifflichkeiten in Bezug auf Ableismus kritisch sieht, könnte das einen falschen Eindruck von meinem eigenen Denken erwecken. Und das fände ich tragisch, denn es würde gegen alles gehen, was ich mit meinen Geschichten in Wahrheit will. Ich habe besonders »Codewort: Puls« vor der Veröffentlichung noch einmal auf fragwürdige Begriffe gecheckt (und zwar aufgrund deiner Tweets, die ich zuvor gelesen hatte :)), habe sogar Begriffe wie »wahnsinnig« und »irre« ausgetauscht (außer, sie kamen von absoluten Unsympathen in der Geschichte :D) – aber an »Idiot« haben Georg und ich beispielsweise nicht gedacht. Wir sehen das tatsächlich beide so, wie ich es oben beschrieben habe: Wir empfinden nur Begriffe als feindlich, die auch tatsächlich so gemeint sind, und das merken wir im Allgemeinen schon. Also, ob etwas herabwürdigend gemeint ist.

    Das ist jedenfalls eine Sache. Ich frage mich nun immer wieder: Wie viel Ableismus steckt noch in meinen bisherigen Geschichten, insbesondere in den veröffentlichten Büchern, von dem ich möglicherweise nicht einmal etwas ahne? Das würde ich gern herausfinden. Nicht, um die bereits erschienenen Bücher noch einmal völlig umzukrempeln, dafür habe ich weder das Geld noch bei allen dreien die Befugnis, denn »Schwester golden, Bruder aus Stein« sowie »Sein Artist« sind bei Verlagen erschienen. Letzteres ausschließlich als E-Book, die Printversion liegt allein in meiner Verantwortung, aber das ändert ja am Gesamtkonstrukt nichts. Und letztlich haben auch alle meine Charaktere ihre eigene Stimme; was sie sagen, denken und fühlen, entspringt nicht grundsätzlich dem, was ich selber richtig finde. Was erschienen ist, ist erschienen, das kann und möchte ich nicht mehr alles umwerfen.

    Aber: In künftigen Büchern (ein paar wird es noch geben vor 2018 :)) möchte ich noch besser auf solche Dinge achten. Ich würde am liebsten meine drei bisherigen Bücher von jemandem, der sich gut damit auskennt und intensiv damit beschäftigt, anhand der Kriterien Diversität und Ableismus beurteilen lassen. Von jemandem, der sie tatsächlich alle gründlich liest und sammelt, was aus kritischer Sicht in Bezug auf Ableismus alles nicht passt. Das würde mir helfen. Sehr. Zuallererst habe ich da nach deinem Post an dich gedacht – aber ich weiß auch, dass du krankheitsbedingt ohnehin schon vorsichtig sein musst, wofür du deine Ressourcen aufwendest, und gerade eine wirklich stressige Zeit hast. Darum mag ich bloß sagen: Falls du dazu Lust/Zeit/Kraft hast, wärst du meine allererste Wahl. ❤ Es ist aber keine Anfrage im eigentlichen Sinne, weil ich dir so was Umfangreiches nicht aufdrücken möchte. ❤

    Falls du jemand anderen kennst, der dazu Zeit/Lust/Kraft hat, wäre ich unendlich dankbar für die Herstellung eines Kontakts. 🙂 Dass ich jedwede Kritik dann auch tatsächlich in den künftigen Büchern umsetze, kann ich zwar nicht versprechen, zumal es vorrangig um ein Gemeinschaftsprojekt geht. Aber ich möchte darüber nachdenken, mein bisher Geschriebenes reflektieren, und gerade dann, wenn es um bloße Begriffe geht, die man leicht austauchen könnte, an mir arbeiten. Gerade WEIL Diversität mir so ein großes Anliegen ist und weil im Hinblick darauf weitere Bücher kommen werden, und zwar von Lexi (auf Twitter @AKingdomOfChaos) und mir gemeinsam, bei denen ich gern noch mehr als bisher darauf schauen würde, was ich alles geschrieben habe und wie das bei Betroffenen ankommen könnte.

    Ein weiterer #beHindernisse-Punkt, über den ich mir derzeit den Kopf zerbreche, ist das Problem, wie man als Selfpublisher barrierefreies Lesen ermöglichen könnte. In den Büchern, die Lexi und ich gemeinsam planen, wird es unter anderem einen blinden Hauptcharakter geben. Aber wir haben nicht die Mittel, die Bücher auch blinden Lesern ansprechend zugänglich zu machen. Die Herstellung von Braille-Büchern ist teuer, aufwändig und über die regulären Selfpublisher-Plattformen nicht möglich. Und schon die Entstehung eines Durchschnittsbuches ist für Selfpublisher nicht billig, wenn das Ganze professionell gemacht sein soll. Auch Hörbücher via Selfpublishing sind für uns nicht finanzierbar. Als einzige Möglichkeit, selbstständig für einen barrierefreien Zugang zu sorgen, sehen wir derzeit, die Bücher selbst einzulesen – aber wir haben weder Profi-Equipment noch sind wir ausgebildete Sprecher, und ganz nebenbei ist Lexi in Vollzeit berufstätig und ich mache in Vollzeit häusliche Pflege. Dennoch könnten wir es nur schwer mit uns vereinbaren, Literatur über einen blinden Menschen ausschließlich Sehenden anzubieten. Das ist deprimierend. Wir versuchen, uns eine Lösung zu überlegen, wissen aber zugleich nur zu gut um unsere Grenzen.

    Meine eigenen Grenzen – auch die sind seit #beHindernisse überdeutlich präsent für mich. Ich merke, dass ich neben Georgs und meinem Alltag kaum noch Kraft, Energie und Willen zu etwas anderem habe – und dass es kaum ECHTE Hilfen gibt. Was die Krankenkassen da so anbieten, ist unterm Strich eher ein schlechter Witz. Zumal meine Tätigkeit sich nicht nur auf die Tage, sondern auch auf die Nächte erstreckt. Ich schlafe inzwischen kaum mehr als zwei, drei Stunden pro Nacht, und für jemanden mit Hashimoto, der ohnehin ständig müde ist, ist das natürlich nicht so pralle. Ebenso wenig wie es die permanente Demütigung durch Behörden ist. Ich müsste mich mal hinsetzen und einen ausführlichen, objektiven Artikel darüber schreiben, was sich bei uns seit April 2015 in Bezug auf Ämter alles ereignet hat. Eigentlich teilen wir so etwas nicht gern mit der Welt, aber ich glaube, es würde sich lohnen. Wie viele Jahrhunderte ich für die Objektivität bräuchte, die ich als Grundvoraussetzung ansehe, um so etwas ins Netz zu stellen, sei aber mal dahingestellt.

    Der Zusammenhang mit den Büchern und #beHindernisse ist folgender: Noch vor fünf Jahren hätte ich mich wahrscheinlich voller Leidenschaft daran gemacht, dieses Diversity-Projekt zu pushen und tatsächlich einen guten Weg zu finden, es barrierefrei zu gestalten. Heute weiß ich, dass ich für alles, was über »selber einlesen« hinausgeht, keine Kraft mehr habe, und selbst das wird schon anstrengend. Und hier kommt dann dieser Punkt, an dem ich mich frage: Macht das dann noch Spaß? Tue ich es dann noch gern? Und im nächsten Augenblick die Frage, was denn wichtiger ist: mein eigener Spaß oder Authentizität. Der Idealfall wäre eine Mischung aus beidem. Und mein Empfinden wäre auch eine Mischung aus beidem, wenn die Gesellschaft, allen voran die Behörden, chronisch Kranke und Pflegende nicht systematisch zermürben würde. Das muss ich leider wirklich so krass sagen. Ich möchte uns nicht in eine Opferrolle drücken, sondern sehe einfach klar: Ohne diese permanente Zermürbung wäre ich anders. Nicht die Pflegetätigkeit hat zu dieser Situation geführt, sondern der Umgang der Behörden mit Pflegenden und Pflege- und Assistenzbedürftigen.

    Menschen mit Erkrankung und/oder Behinderung, die die von ihnen geschaffene Literatur anderen Menschen mit Erkrankung und/oder Behinderung barrierefrei zugänglich machen wollen, das aber aufgrund fehlender Mittel und Energie nicht können. Toller Stoff für eine schwarze Komödie. (Sollte ein_e Autor_in mitlesen und eine schwarze Komödie über uns schreiben wollen: Nur zu! Cool wäre es allerdings, wenn die dann wenigstens barrierefrei gelesen/geschaut/gehört werden könnte. Ach, Mensch. :D)

    Vor fünf Jahren war dieses große Projekt noch nicht mal geboren. Es ist ein absolutes Herzprojekt von Lexi und mir, aber wir wissen: Große Verlage hätten daran kein Interesse und kleine könnten sich vermutlich ebenso wenig ein Braille-Projekt oder eine Hörbuchproduktion leisten wie wir. Die »Alles selber machen«-Version ist unterm Strich also schon die coolste. Der Umkehrschluss ist für mich aber der: #beHindernisse verwehren Menschen mitunter auch die persönliche Entwicklung. Irgendwann ist einfach keine Kraft mehr da für Neues, das man ohne permanente #beHindernisse auf ganz andere Weise anpacken könnte.

    Uh, das liest sich jetzt alles furchtbar problematisch. Keine Angst, ganz so dramatisch sehe ich es nicht. Ich freue mich auf das Projekt, und ich denke, an das Equipment zum selbst einlesen werden wir schon irgendwie kommen. Zeitlich und energietechnisch wird es sicher ein Problem, aber wenn wir vorab festlegen, dass wir nicht mehr Zeit und Energie hineinstecken, als wir überhaupt besitzen, wird auch das ganz cool, glaube ich.

    Aber #beHindernisse hat mir gezeigt, dass vieles wirklich erst dann wahrnehmbar wird, wenn man sich intensiv damit beschäftigt. Das können Formulierungen sein wie auch finanzielle und technische Hürden. #beHindernisse können so vielfältiger Natur sein, dass es einem vom Drüber-Nachdenken ganz schwindelig wird. Und jene, die gern bewusst etwas ändern würden, stoßen sehr schnell an ihre eigenen Grenzen und können sich leicht selbst schaden, wenn sie nicht auf sich aufpassen. Ich fühle mich mies bei dem Gedanken, dass sich in meinen Büchern womöglich diskriminierende Begriffe verstecken, die ich gar nicht als solche wahrnehme, und bei dem Gedanken, nicht annähernd zeitnah barrierefreies Lesen des Gemeinschaftsprojekts ermöglichen zu können. Aber immerhin sind da Gedanken statt Ignoranz, immerhin sind da Überlegungen statt Gleichgültigkeit. Auch das ist etwas wert, glaube und hoffe ich.

    Whoa. Das sind also meine primären Gedanken, seit #beHindernisse Twitter gestürmt hat. Vieles andere, gerade in Bezug auf Mobilität oder Reaktionen von außen, war für mich aufgrund von Georgs Behinderung und unseren täglichen Erlebnissen natürlich schon lange vorher Thema. Aber obwohl wir aus eigenem Erleben so dicht dran sind, ist das jetzt doch ein ganzer Haufen an neuen Gedanken, die durch den Hashtag erst so richtig dazugekommen sind.

    Vielen Dank für dein Engagement und deine Gedanken – ich hoffe, du hast schöne Feiertage! ❤

    Alles Liebe
    Alex

    Gefällt 4 Personen

    1. Hallo du Liebe,
      ich kann das gut nachempfinden. Bevor ich bei Twitter war (also vor Oktober) hatte ich Ableismus bzw. ableistische Sprache ja so gar nicht auf dem Schirm und hab auch Wörter benutzt, die ich heute niemals mehr benutzen würde. Gerade auch das I-Wort.

      Wenn das fiktive Charaktere machen, empfinde ich das allerdings sowieso nochmal ein bisschen anders.
      Ich find’s generell total wichtig, die Wörter/Formulierungen nicht (als Abwertung) zu verwenden, aber die Protagonist_innen sind ja nicht du.
      Würde ich ein Buch schreiben, wären die Menschen unter Umständen auch bspw. sexistisch(er) als ich oder so.
      Wenn ich im Namen von Namid schreibe, auch. 😀 (Der hat eigentlich auch einen Blog, aber das Theme hat mal alle Bilder gelöscht und ich war zu faul, die wieder einzubauen und deswegen nutzt der den seit 1,5 Jahren oder so nicht mehr. 😀 )
      Er hat auch ganz andere Ansichten als ich und sagt Dinge, die ich ganz anders sehe. 😀 Aber er ist ja auch er und nicht ich.

      Und ich mach das total gern, also die Bücher untersuchen. 🙂
      Jetzt, wo es wieder heller und wärmer wird, ist lesen auch einfacher (draußen werd ich davon nicht so schnell platt, warum auch immer) und ich hab auch gerade so viele Termine und in Wartezimmern und während Behandlungen ist auch massig Zeit. 🙂

      Das mit dem Artikel klingt auch richtig gut. Und ich finde, der muss überhaupt nicht objektiv sein. Ich glaube, das geht auch überhaupt nicht.
      (Hättest du Lust, das auch auf be-hindernisse.org zu veröffentlichen evtl.?)

      Es tut mir so leid, ich verstehe dich auch so gut. Dieser dauernde Krieg mit diversen Ämtern, die Übergriffigkeit, das ätzende Verhalten ist alles so anstrengend. :-/

      Ich hoffe, es wird bald besser und schicke euch ganz viel ❤ !

      Ash

      Gefällt 2 Personen

      1. Huhu. ❤

        Whoa, ganz lieben Dank für deine schnelle Antwort! 🙂

        Wie es mir mit den Begriffen langfristig gehen wird, weiß ich noch gar nicht – in jedem Fall hat #beHindernisse sehr dazu beigetragen, dass ich darüber jetzt verstärkt nachdenke, besonders wenn es halt um Bücher geht, die genau das Gegenteil von jedweder Abwertung ausdrücken sollen.

        Auch wenn es natürlich stimmt, dass die fiktiven Personen nicht meine eigene Ansicht und Haltung ausdrücken. Gerade im neuesten erscheinenden Buch ist der männliche Protagonist anfangs teils so … gnaah, dass ich ihn gern an die nächste Wand klatschen würde, aber das gehört tatsächlich zu seiner Persönlichkeit/Entwicklung und muss so stehen bleiben, auch wenn ich mich für den jungen Mann teils fremdschäme. 😀

        Waaaah, und Namid! Falls er je wieder zum Blogger-Dasein zurückkehrt, bitte Bescheid sagen! 😀 ❤

        Und – HERZ! ❤
        Waah! Ich würde mich riesig, riesig freuen, wenn ich dir die Bücher echt schicken dürfte. Ich mag aber auch auf keinen Fall, dass du dir damit Stress machst – einfach so, wie es für dich gut ist und passt. Wenn du magst, mail mir jederzeit gern, dann können wir besprechen, wie wir es machen – da ich bei den Verlagsveröffentlichungen die E-Books nicht einfach weitergeben kann/darf, würd ich dir am liebsten die drei Bücher als Print zuschicken, wenn das für dich okay ist. Die kann ich nämlich einfach selber erwerben und damit tun, was ich möchte. 🙂

        Also, falls ich den Artikel wirklich schreibe, darf er gern auch auf be-hindernisse.org, das wäre absolut okay. 🙂 Ob ich aber letztlich echt die Nerven dazu habe, weiß ich noch nicht. Weitgehende Objektivität wäre mir aber tatsächlich sehr wichtig; ich möchte das dann schon differenziert darlegen. Völlig unbeteiligt kann ich natürlich nicht klingen, aber ich möchte nicht, dass das Ganze dann zornig-trotzig klingt.

        Tausend Dank dir! ❤

        Gefällt 1 Person

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