„Darf ich auf deine Brüste stehen?“

Es gibt ein paar Fragen, die mir cis Leute immer wieder in sehr ähnlicher Form stellen – meistens, wenn wir auf einer Flirt-Ebene Kontakt haben, manchmal aber auch einfach so, wenn’s um meine Geschlechtsidentität geht.
(Cis ist das Gegenteil von trans – cis sind also Menschen, die sich mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, identifizieren.)
Ich schreibe die Fragen und meine Antworten darauf heute mal auf und hoffe, dadurch ein bisschen aufklären zu können.

 Wichtig: Ich schreibe in Beiträgen häufig über allgemeine Dinge, über die Konsens (Übereinstimmung) besteht. Das ist in diesem Beitrag nicht der Fall. Bitte geh nicht davon aus, dass das, was ich schreibe, auch für andere nicht-binäre Personen gilt.
(Nicht-binär = Menschen wie ich, die sich nicht, sowohl als auch oder nur teilweise als Mann oder Frau identifizieren. Ein binäres System hat nur zwei Bestandteile – unser Geschlechtersystem, in dem nur Frauen und Männer vorkommen, ist also binär.)

„Eigentlich bin ich ja hetero (Männer)/ lesbisch (Frauen) – muss ich mich bisexuell nennen, wenn ich auf dich stehe/wir Sex haben?“

Diese Frage kommt erstaunlich oft und irritiert mich immer ein bisschen. Es besteht ja keine Pflicht dazu, die Umwelt über jedes Begehren oder alle sexuellen Begegnungen in Kenntnis zu setzen. Müssen tust du also sicher nicht. 🙂
Dass du dir darüber überhaupt Gedanken machst, zeigt mir, dass du mich in meiner Geschlechtsidentität ernst nimmst. Das gibt mir Sicherheit – ob du dann zum Schluss kommst, deine Selbstbezeichnung ändern zu wollen oder nicht, ist zweitranging.
Wenn es sich für dich richtig anfühlt, pass sie an. Wenn nicht, kannst du drüber nachdenken, warum es sich falsch anfühlt und ob da Homo- oder Bi-Feindlichkeit dahinter steckt. Das zumindest zu hinterfragen finde ich schon ganz gut – auch unabhängig vom Ergebnis.
Zu dem Thema (unterschiedliche Formen der Anziehung und Labels) hat @cuffedCatling übrigens vor einer Weile mal ganz großartige, wunderbare, lesenswerte Tweets geschrieben, die hier zu finden sind.

Was für mich nicht ok wäre: Wenn du mich aufgrund deiner Selbstbezeichnung anderen Menschen gegenüber misgendern (eine falsche Geschlechtsbezeichnung für mich verwenden) und der Einfachheit halber als „sie“ oder „Frau“ bezeichnen würdest.
Das erwarte ich natürlich auch von Leuten, mit denen ich keine sexuelle Beziehung habe. Es gibt auch für Menschen, die „sie_er“, „er_sie“ oder „they“ aus irgendwelchen Gründen nicht verwenden wollen, ausreichend Möglichkeiten, mich richtig zu bezeichnen, indem sie einfach meinen Namen oder „A“ (gesprochen „ey“) statt Pronomen verwenden und mich „Mensch“, „Person“ oder „Wesen“ nennen. Mehr dazu in meinem Beitrag hier.
Mit Leuten, denen das zu umständlich ist, will ich keinen Kontakt – erst recht keinen intimen.

„Ich stehe halt total auf deine weiblichen Seiten. Ist das überhaupt ok?“

Ich weiß nicht genau, was meine weiblichen Seiten sind und das definiert ja auch jeder Mensch ein bisschen anders, aber: Klar. Auch das, was du damit meinst, ist ja Teil von mir. Mir ist nur wichtig, dass du dabei nicht vergisst, dass die anderen genauso zu mir gehören und dass du diese „weiblichen Seiten“ nicht fälschlicherweise als Beleg dafür verstehst, dass ich „ja doch einfach nur ’ne untypische Frau“ sein könnte.
Leider suchen manche Menschen regelrecht nach Hinweisen darauf und das ist sehr anstrengend.
Sei versichert: Nach 27 Jahren in diesem Körper auf dieser Erde weiß ich schon selbst, was ich bin und was nicht. Das musst du nicht verstehen. Ich selbst kann auch nicht nachempfinden, wie’s ist, sich mit einem binären (=klar männlich oder weiblich) Geschlecht zu identifizieren und das, obwohl ich’s fast mein ganzes Leben lang versucht hab. 😉 Aber wenn du mir sagst, dass du’s tust, glaube ich dir das – unabhängig davon, wie rollen(un)typisch du dich verhältst. Das erwarte ich im Gegenzug auch von dir.
Auch, wenn es dir vielleicht anders vorkommen mag, ist das eine Frage grundlegenden Respekts und kein besonderes Entgegenkommen.

„Was ist mit deinen Brüsten? Darf ich die überhaupt heiß finden?“

Ja, wenn du mich nicht darauf reduzierst, sondern auch das, was da sonst noch so dran hängt, heiß findest, schon. 😀

Es wäre ja etwas merkwürdig, von dir zu erwarten, auf meine imaginären (nur vorgestellten) breiten Schultern und meinen nicht vorhandenen Vollbart zu stehen. Das Problem ist ja nicht, dass ich Brüste habe oder du sie dir gern ansiehst, sondern dass Leute zwingend Körperteile, Kleidungsstücke und Verhalten gendern (mit einem Geschlecht in Verbindung bringen) müssen.
Das ist das, was für mich anstrengend ist: Dass ich mich, wenn mir gerade mal nach weiblicherem Geschlechtsausdruck ist, fragen muss, ob andere Personen darin gleich wieder einen Beweis dafür sehen, dass ich ’ne Frau sein könnte.
Also: Wenn ich mal plötzlich das Bedürfnis haben sollte, voll geschminkt im Minirock und High Heels aus dem Haus zu gehen, ändert das verdammt nochmal nichts an meinem Geschlecht.
Wenn du das auf dem Schirm hast, ist mir der Rest egal. Das gibt mir sehr sehr viel Freiheit und den Raum, ich selbst zu sein und eben auch fallen zu lassen.

Ich hoffe, dadurch wurde einiges klarer. Wenn noch Fragen da sind, stell sie mir gern.
Ich versuche, alle Wörter zu erklären, die nicht im allgemeinen Sprachgebrauch verwendet werden oder die vielleicht nicht alle Leute kennen. Wenn ich etwas vergessen habe, freue ich mich immer sehr über Hinweise (auch darauf, was ich in Bezug auf Barrierefreiheit und einfache Sprache besser machen kann).

Zum Schluss möchte ich noch diesen Blog-Eintrag auf „geschlechtsneutral“ empfehlen, der eine Antwort auf die Frage gibt, ob Menschen mit nichtbinären Geschlechtern auch schwul oder lesbisch sein können.

Einen guten Wochenstart!

Ash


Wie du vielleicht weißt, kann ich aufgrund meiner beHinderungen keiner „normalen“ Erwerbstätigkeit nachgehen und mich hier und in sozialen Netzwerken aktivistisch zu betätigen, ist quasi mein Job. Falls dir gefällt, was ich mache, und du mich und den Vierbeiner mit einem kleinen Betrag unterstützen möchtest, kannst du das zum Beispiel  über meinen Amazon-Wunschzettel, über Gynny oder über Patreon:-) Danke dir sehr! ❤

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5 Kommentare zu „„Darf ich auf deine Brüste stehen?“

  1. „indem sie einfach meinen Namen oder „A“ (gesprochen „ey“) statt Pronomen verwenden und mich „Mensch“, „Person“ oder „Wesen“ nennen. Mehr dazu in meinem Beitrag hier.“

    Ich hoffe, ich habe das bisher richtig gemacht und dich nicht verärgert. Manchmal bin ich da auch ein wenig unsicher. Wie ist es prinzipiell mit der Bezeichnung „Miss mindfuck“? Neulich habe ich die Möglichkeit „Miss mindfuck / Ash“ gewählt. War das okay? Oder wäre dir nur Ash doch lieber?

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    1. Hallo du Liebe,
      total lieb, dass du fragst! ❤
      Nein, du hast mich nie verärgert!
      "Ash" ist mir lieber, ja. 🙂 Wollte einen Namen schon seit Monaten ändern, hab's dann aber erst vor ein paar Wochen getan. 🙂
      Ach übrigens, wo wir gerade schreiben – ich bin immer zu langsam mit Kommentieren bei dir drüben: Magst du evtl. dazu übergehen, statt "homophob" "homofeindlich" zu verwenden?
      (Wegen Ableismus, hab da https://hirngefickt.wordpress.com/2016/01/24/warum-nazis-nicht-dumm-sind/ mal was dazu geschrieben – das Problem am "-phob" ist auch, dass viele Leute das echt nicht checken und von einer Angst ausgehen, für die Menschen nichts können, anstatt es als Feindseligkeit zu verstehen, die es ja ist.)

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  2. Puh, da bin ich ja erleichtert. Dann künftig gerne Ash. Allerdings denke ich da immer an die Pokemons (weil mein Sohn grade den Tick hat) ;-). Ich hoffe, das stört dich nicht.

    Bei mir kann man jetzt übrigens zwei Wochen kommentieren. Ich hab gerade etwas mehr Zeit und es haben sich einige beschwert, jetzt probiere ich es mal aus.

    Tja, wegen Homofeindlichkeit … Danke für den Hinweis. Generell hast du natürlich recht und ich werde das mehr beachten. Aber in dem Fall weiß ich nicht so genau. Es gibt m. M. nach „echte“ Homofeindlichkeit zuhauf, aber in dem Zusammenhang meines Artikels passt „Homophobie“. Weil es, so glaube ich, gerade bei vielen Religiösen eine Feindlichkeit ist, die aus einer Angst entspringt oder tatsächlich noch mehr Angst als Feindlichkeit: Vor „dem anderen“, vielleicht sogar vor einem Teil des eigenen Selbst (ich habe tatsächlich so einige Ex-Mönche und Ex-Priester kennengelernt, die schwul waren und mir von ihrer eigenen früheren Homophobie/Homofeindlichkeit erzählt haben). Oder halt wirklich ältere Leute, denen das sehr fremd ist, weil sie völlig anders aufgewachsen sind und tatsächlich Angst vor neuem haben.

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  3. Hallo Ash,
    über Dunkelbunt habe ich von Deinem Blog erfahren. Heute morgen war dieser Text Ausgangspunkt für ein sehr intensives und angeregtes Gespräch. Ich möchte Dir für den Text danken. Ich für meinen Teil fühle mich in meinem biologischem Geschlecht gut aufgehoben. Mit dem Konstrukt des gesellschaftlichen Geschlechts habe ich aber weitgehend ein Problem, halte es für schlichtweg falsch. Leider ist dieses Konstrukt aber einfach und Leute/Menschen lieben „einfache“ Lösungen. Bisweilen sorgt die daraus entstehende Enge für ein unerträgliches, ja unmenschliches Klima. Der zynische Teil meiner Persönlichkeit hält dieses Verhalten für „Gott gegeben“, die Erfahrung meldet ein „Das ist nicht zu ändern…“, der zarte aber hartnäckige Überlebenswille setzt ein „Disconnected, but not alone“ dagegen, die Hoffnung ein „*CONNECTED*“. Die Wirklichkeit überrascht dann mit tollen Menschen.
    Bis denne
    Bene

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