Gedankliche Parties

Ich möchte dich heute gern mit auf eine Reise nehmen. Also…gedanklich, weil ich kein Geld habe und es für dieses Szenario auch angebrachter ist:
Stell dir vor, du verbringst Zeit mit einem lieben Menschen.
Wenn dir gerade keiner einfällt, nimm einfach irgendeine zufällige, dir sympathische, Person und wenn’s dir schwer fällt, dir IRGENDEIN Gesicht vorzustellen, nimm vielleicht das von Ruby Rose oder Justin Timberlake oder Jamie-Lee oder so.

Stell dir vor, ihr seid gerade dabei, eine Party vorzubereiten. Es kommen viele Menschen, die ihr gern mögt und lange nicht gesehen habt. Ihr freut euch beide sehr, aber ihr seid auch tierisch im Stress, weil irgendwas mit dem Rezept für die Häppchen nicht stimmte. Ihr musstet ganz viel wegwerfen, neu einkaufen und nochmal zubereiten und habt dadurch total viel Zeit verloren, die ihr dringend gebraucht hättet.Die Person steht hinter dir und stellt gerade Nudelsalat zum Durchziehen auf den Tisch, während du, ein bisschen gehetzt, versuchst, die Stühle so umzustellen, dass für alle Platz ist. Plötzlich klingelt dein Handy. Du hast keine Ahnung, wo es liegt, drehst dich, während du einen Stuhl trägst, um – und schlägst ihn dabei der anderen Person mit voller Wucht gegen den Schädel. Sie greift sich an den Kopf, schwankt und die Tränen schießen ihr in die Augen. „Scheiße, das tut weh.“, stöhnt sie.
Was tust du?

Schreist du sie an: „SAG MAL, WILLST DU MIR GRAD SAGEN, DASS ICH EIN GEWALTTÄTIGES ARSCHLOCH BIN? GEHT’S NOCH?“
Oder sagst du: „Boah, du bist so was von empfindlich! Kannst du mal aufhören, rumzuflennen? Wir haben hier grad echt größere Probleme – in ’ner Stunde stehen die Leute vor der Tür und wir haben noch nicht mal alle Getränke besorgt!“
Oder: „Jaja, ist ok, ich hab dir den grad ins Gesicht gehauen, aber es war keine Absicht, also geh dir ’nen Eisbeutel holen und lass mich in Frieden!“
Oder: „Verdammt, du siehst doch, dass ich im Stress bin! Jetzt mach mir kein schlechtes Gewissen, ey, ich hab auch eigene Probleme – und wo ist eigentlich mein Handy?“
Oder: „Pf, mein Kumpel hat auch schon mal ’nen Stuhl ins Gesicht geschlagen bekommen und der konnte trotzdem noch aufrecht gehen!“
Oder: „Ey komm – als hättest du noch nie wem einen Stuhl ins Gesicht gehauen!“
Oder: „Du hättest auch einfach woanders stehen können, dann wär’s nicht passiert!“

Wahrscheinlich nicht. Vermutlich sagst du eher so was wie „Scheiße, ich hab dich nicht gesehen – das tut mir so leid!“ und „Tut’s sehr weh?“, „Kann ich was für dich tun?“, „Möchtest du dich hinsetzen?“, „Brauchst du ein Kühlpad?“, „Ist dir schwindlig? Soll ich ’nen Arzt rufen?“ oder irgendwas in der Art.
Weil dir total klar ist, dass es verdammt weh tut – auch, wenn der Stuhl da nicht mit Absicht landete und auch, wenn du sonst ein total aufmerksamer Mensch bist, der keiner Fliege was zuleide tun kann und niemals absichtlich irgendwen verletzen würde.
Sogar, wenn du selbst vielleicht eine total hohe Schmerztoleranzgrenze hast oder immer 3 Mützen übereinander trägst und deswegen gar nicht so genau weißt, wie es sich anfühlt, einen Stuhl mit voller Wucht gegen den Kopf geschlagen zu bekommen.

Die große Frage ist: Wieso reagierst du so anders, wenn du eine Person nicht mit einem Stuhl, sondern einem unbedachten Wort mit voller Wucht ins Gesicht triffst?

 


Wie du vielleicht weißt, kann ich aufgrund meiner beHinderungen keiner „normalen“ Erwerbstätigkeit nachgehen und mich hier und in sozialen Netzwerken aktivistisch zu betätigen, ist quasi mein Job. Falls dir gefällt, was ich mache, und du mich und den Vierbeiner mit einem kleinen Betrag unterstützen möchtest, kannst du das zum Beispiel  über meinen Amazon-Wunschzettel, über Gynny oder über Patreon:-) Danke dir sehr! ❤

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8 Kommentare zu „Gedankliche Parties

  1. Ich glaube, aus Sicht des Getroffenen kann ich sagen (was aber ausschließlich für mich gilt): Wenn mein Körper so massiv getroffen wird, reagiert er, wie ein Körper nun mal reagiert. Er hat da keine wirkliche Bewältigungsstrategie in dem Augenblick, die Schmerzen sind schlichtweg da. Wenn mich dagegen jemand verbal so hart trifft, kann ich ganz persönlich mich relativ rasch davon distanzieren, differenzieren, runterkommen.

    Das Problem ist, dass viele Menschen davon ausgehen, diese Art der Bewältigung hätte automatisch jeder. Und das ist nicht wahr. Oft können das noch nicht einmal die, die es so selbstherrlich von anderen verlangen. Und es ist auch gar nicht sooo gesund, das zu können, würde ich persönlich sagen. (Hergeben würde ich die Fähigkeit/Fertigkeit aber auch nicht wollen. ;))

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  2. Ich nehme lieber den Stuhl, denn der Schmerz verfliegt zumindest innerhalb der nächsten Stunden. (Je nachdem wie hart eins getroffen wird natürlich.)
    Worte hallen teilweise noch Jahre nach. Da kommt es zwar ebenso drauf an was dir gesagt wird, aber ja… So ein physischer Schmerz geht irgendwann vorüber, aber bestimmte Sprüche tun mir heute noch so weh wie „damals“ als sie ausgesprochen wurden.
    Danke für den Blogeintrag!

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  3. Ich fürchte, gerade im Internet ist es oft so, dass man den anderen tatsächlich treffen will. Oder er einem zumindest so egal ist, dass es einen nicht „juckt“ wenn er verletzt ist. Das ist natürlich supersch**** aber ich denke, es ist tatsächlich oft eine Frage der Anonymität.

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  4. Ich ziehe die Worte auf jeden Fall vor! Denn anders als bei der Verletzung des physischen Körpers habe ich psychisch durchaus Einfluss darauf, ob und wie mich irgendwelche Sprüche treffen – oder auch nicht. Oft sagen solche Anwürfe ja doch mehr über den Sprecher/die Sprecherin aus als über mich. Ich entscheide selbst, ob ich „mir den Schuh anziehe“, der mir da angeboten/vorgeworfen/zugeschrieben wird.

    Um nicht geradezu „automatisch“ mit Wut und Ärger (oder auch Angst, Traurigkeit, Selbstzweifeln..) zu reagieren, ist es hilfreich, sich mal umfangreicher mit Entspannung zu befassen. Denn diese Emotionen sind auch körperliche Vorgänge – kein Ärger ohne Verspannung im Bauch, kein „verletzt fühlen“ ohne Verspannung im Solar Plexus-Bereich etc. Wenn man lernt, die Anspannung, die auftritt, wenn einem „jemand ans Bein pinkeln“ will, sofort zu lösen, gewinnt man eben diese Freiheit: selbst entscheiden können, ob man „betroffen“ reagiert oder sich nur denkt: Was für ein dummer Eumel!
    (mehr dazu unterm Namenslink).

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  5. @ Claudia Also ich weiß ja nicht. Auf den genaue Wortlaut kommt es ja nicht an, sondern letztlich auf die Tatsache, dass jemand mich entweder bewusst verletzen will oder er das zumindest „billigend in Kauf nimmt“, wie man so schön sagt. Und da muss man schon ein sehr dickes Fell haben, um da drüber zu stehen. Ich bezweifle, dass ein paar Entspannungsübungen da helfen. Ich glaube zudem, dass man als sehr selbstbewusster Mensch, der z. B. keinerlei Mobbingerfahrung hat, so etwas wesentlichlockerer wegsteckt als jemand, der so und so schon sehr verletzt und verletzlich ist. Und gerade genderfluide, transgender und homosexuelle Menschen wurden einfach schon so oft verletzt, dass so etwas dann richtig wehtut. Das ist wie der Unterschied zwischen einem Schlag auf ein gesundes Bein (der macht nicht viel aus) und einem Schlag auf ein schwerverletztes Bein (der tut dann enorm weh).

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