Ashducation: Internalisierter Ableismus

Fließtext:
Hallo!

Die letzten Monate war es hier und auf meinem Blog sehr ruhig.
Das liegt daran, dass ich nach ’nem Schub vor ’nem Jahr die ganze Energie, die ich so hatte – is ja generell schon immer recht wenig – dafür gebraucht hab, irgendwie durch’n Tag zu kommen. Heute bin ich auch nicht super fit, was mir vielleicht auch ’n bisschen anzusehen ist, aber ich möchte gern endlich ein Video zu internalisiertem Ableismus, also zu verinnerlichter Behindertenfeindlichkeit, machen.

Ich sag erst n paar allgemeingültige Dinge und dann auf mich persönlich bezogene und ich wechsle zwischen den Formulierungen „behinderte Menschen“ und „Menschen mit Behinderung“ ab, weil Leute unterschiedliche Selbstbezeichnungen haben und ich andere nicht mit der, die sich für mich stimmig anfühlt, und die ich für mich verwende, vereinnahmen will. Und ich versuch’, kürzere Sätze zu bilden.

Alle Diskriminierungsformen, die sich durch die gesamte Gesellschaftsstruktur ziehen, haben gemeinsam, dass auch alle Leute, die in dieser Gesellschaft leben, die verinnerlicht haben. Das gilt auch dann, wenn wir selbst betroffen sind.
Im Fall von Ableismus passiert das zum Beispiel durch die Darstellung von behinderten Menschen in den Medien aber auch durch bestimmte Ideen zu Krankheit und Krankheitsentstehung, die als allgemeingültig gelten. Eine „Lebensweisheit“, die auf so ’ner Idee basiert, ist zum Beispiel: „An apple a day keeps the doctor away“ – also: „Ein Apfel am Tag hält den Arzt fern.“
Zum Glück für Menschen mit Fructoseintoleranz oder Apfel-Allergie stimmt das nicht ganz.

Dieser Spruch und ähnliche Sprüche basieren auf der Vorstellung, dass Krankheit und Krankheitsentwicklung immer beeinflussbar sind. Das führt auch dazu, dass
Menschen ohne chronische Erkrankung oder ohne Behinderung sehr häufig solche Dinge sagen wie: „Wie, du ernährst dich vegan!? Na, da ist ja kein Wunder, dass du keine Kraft hast.“
Ich denk dann immer: „Klar, also mein Körper zum Beispiel wusste ja schon als ich noch im Kindergarten war, dass ich später mal anfangen würde, mich vegan zu ernähren und hat dann einfach vorsorglich Symptome produziert!“
Letztendlich dient das Ganze vor allem dazu, dass Menschen, die nicht betroffen sind, sich besser fühlen können. Solange sie sich einreden, dass mit der richtigen Lebenseinstellung oder der richtigen Ernährung Krankheit und Behinderung einfach verhindert werden können, ist die Vorstellung mal selbst betroffen zu sein, natürlich nicht so furchteinflößend beziehungsweise kann auch einfach weggeschoben werden. Und sie müssen sich auch über den Umgang mit behinderten Menschen nicht so viele Gedanken machen, weil, ganz ehrlich: Die hätten einfach mal ’n bisschen mehr Fleisch essen können, oder?
Unterstützt wird das Ganze auch dadurch, dass über Menschen mit Behinderung vor allem dann berichtet wird, wenn sie irgendwas ganz Großartiges erreicht haben und als „Inspiration“ dienen können. Das nennt sich „Inspiration Porn“, also Inspirations-Porno.

Die dazu passende Lebensweisheit, die auch auf ableistischen Vorstellungen beruht, ist: „Wenn du davon träumen kannst, dann kannst du es auch tun.“
Für uns, also behinderte Menschen bedeutet das, dass wir uns ständig gegenüber solchen Ideen abgrenzen müssen – ob sie jetzt von außen kommen oder aus uns selbst.

Ich kenne zum Beispiel keine Person mit chronischer Erkrankung, die bei ’nem Schub nicht als erstes die Schuld bei sich selbst sucht – mich eingeschlossen.
Selbst, wenn das Wetter innerhalb eines Tages von 15 Grad und Sonnenschein zu 2 Grad und Schneeregen wechselt und ich genau weiß, dass Temperaturumschwünge und feucht-kaltes Wetter meine Schmerzen verschlimmern, denk ich als erstes: „Boah Ash, wärste mal gestern ’ne halbe Stunde früher ins Bett gegangen, dann ging’s dir heute bestimmt nicht so scheiße!“ oder ich frag mich, ob ich irgendwas Falsches gegessen hab.
Zum Glück merke ich sowas inzwischen recht schnell, kann dann darüber lachen und es meistens auch loslassen. Aber es hat ’ne Weile gedauert.
Für mich war ’n sehr Schritt in den letzten Monaten, endlich Hilfsmittel zu benutzen.
Das heißt in meinem Fall Gehstock, Rollator, Duschstuhl und Rollstuhl.
Gebraucht hätte ich die eigentlich schon längst, aber irgendwas in mir war der festen Überzeugung, dass ich das alles „so schaffen“ muss.

Der Witz daran ist, dass ich das natürlich schon seit Jahren nicht mehr „so geschafft“ hab. Ich bin einfach nur an total vielen Tagen GAR NICHT ausm Haus gegangen, weil ich nicht lange genug stehen oder gehen konnte und hab zum Beispiel dann nicht geduscht, sondern gebadet, weil ich da sitzen kann.
Wenn ich das jetzt so erzähle, klingt das vielleicht nach ’ner total klaren Sache – war’s aber nicht. Internalisierter Ableismus macht eben auch, dass immer noch diese Gedanken da sind, die sagen: „Nee, lass ma. Das geht schon so, das MUSS schon so gehen, das musst du doch schaffen!“

Irgendwann kam dann der Tag, an dem ich mit dem Hund im Wald war und mir die Stöcke angeguckt hab, die da so aufm Boden rumliegen, und mir überlegt hab, ob ich einen davon vielleicht als Stütze verwenden kann, weil ich so wackelig auf den Beinen war.
Das war auch nicht das erste Mal, ich hab auch oft genug, wenn ich irgendwo rumgelaufen bin, nur geguckt, wo die nächste Festhaltegelegenheit ist – und das war aber der Tag, an dem mir dann auch klar wurde, dass es gar nicht ganz so klug ist das so zu handhaben wie ich das mache und ich mich dazu entschieden hab, doch Hilfsmittel zu nutzen.
Im Rahmen dessen habe ich auch gemerkt, wie sehr ich mich doch mit ableistischen Projektionen, also Vorstellungen, die andere Menschen von mir haben und über die sie mich informieren, identifiziert habe.
Ich habe das schon ’n paar Mal in Blog-Einträgen oder Videos gesagt: In den ganzen letzten Jahren war es fast immer so, wenn ich Menschen kennengelernt hab, dass die mir sagten: „Oah krass, das hätt ich gar nicht gedacht! Du wirkst immer so positiv, du strahlst immer so, das merkt man gar nicht!“, und so anstrengend das für mich auch war, ist dieses „Man merkt es nicht“ eben auch Teil von mir geworden. Es war richtig, richtig schwer, das loszulassen – oder ist es immer noch – und eben NICHT alles wegzulächeln, eben auch dann rauszugehen, wenn sichtbar ist, dass es mir nicht gut geht und mich damit abzufinden, dass Leute das eben sehen können.

Mindestens genauso schwierig ist es auch immer wieder, mir zu erlauben, bestimmte Dinge einfach nicht oder gerade nicht zu können. Es gibt immer wieder Situationen, in denen ich mich frage; „Ey sag mal, was machst’n du da grade?“, weil es einfach eigentlich überhaupt keinen Sinn ergibt. Zum Beispiel stand ich schon mal mit meinem Gehstock unten an der Treppe und da war ’n Aufzug und ich musste in den dritten Stock und ein Teil von mir hat aber so laut geschrien: „Du musst jetzt die Treppe nehmen, du musst es jetzt so schaffen, du musst jetzt die Treppe nehmen!“
Es ist sehr sehr schwierig, das zu entlernen, aber ich bin sehr froh, dass ich jetzt zumindest an ’nem Punkt bin, an dem ich eben Hilfsmittel nutzen kann.

An der Stelle auch riesengroßes, riesengroßes Dankeschön an die lieben Menschen, die mich immer wieder mal vorsichtig angestupst haben und gesagt haben: „Hey Ash, willst du nicht vielleicht doch mal Hilfsmittel nutzen?“ oder: “Hey Ash, ich glaub, das könnte dir echt helfen.“ oder: „Du Ash, ich hab ’nen Rollator, willst du den vielleicht haben?“
Riesengroßes Dankeschön, wirklich Danke von Herzen dafür, dass ihr da wart, dafür, dass ihr mir immer wieder gesagt habt: „Es ist ok, du musst es nicht alleine schaffen!“ – jetzt muss ich gleich heulen…äh ja. Wenn ihr nicht wärt, dann hätte das wahrscheinlich nochmal 3 Jahre gedauert, bis ich mal an den Punkt gekommen wär, an dem ich jetzt endlich mal angekommen bin. Danke.

So. Ich mach hier mal ’nen Punkt.
Ich hoffe, dass ich in den nächsten Wochen mal noch ausreichend Energie dafür habe, ’n Video zu den Reaktionen nicht-behinderter Menschen zu machen – die waren nämlich auch ’n sehr großer Hinderungsgrund für mich. Ich wusste ja schon ungefähr, was auf mich zukommen würde, weil ich viele Menschen kenne, die Hilfsmittel nutzen und auch durch #beHindernisse sehr viel dazu gelesen hab…ja.

Wenn irgendwas in diesem Video unklar sein sollte, schreib das total gern in die Kommentare. Und wenn du selbst betroffen bist und Lust hast zu erzählen – zum Beispiel darüber, was internalisierter Ableismus mit dir gemacht hat oder macht oder welches die Punkte sind, an denen du am meisten gekämpft hast mit dir, dann erzähl auch total gern oder was auch immer du eben erzählen möchtest.

 

 


Wie du vielleicht weißt, kann ich aufgrund meiner Behinderungen keiner „normalen“ Erwerbstätigkeit nachgehen und mich hier und in sozialen Netzwerken aktivistisch zu betätigen, ist quasi mein Job. Falls dir gefällt, was ich mache, und du mich und den Vierbeiner mit einem kleinen Betrag unterstützen oder du mir im Rahmen meines Geburtstagsmonats, der gerade ist, was schenken möchtest, kannst du das zum Beispiel  über meinen Amazon-Wunschzettel, über Gynny oder über Patreon:-) Danke dir sehr! ❤

 

 

 

 

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